Die meisten Hochzeitsbilder von Paaren sind sich sehr ähnlich. Das Auftreten im Brautkleid gleicht einer theatralischen Geste, die lange Traditionen widerspiegelt. Beim genaueren Hinsehen entdeckt man aber, wie sich das Rollenverständnis allmählich veränderte. (Foto: Überblendung verschiedener Hochzeitsbilder)
Interview: Claudia Kursawe — 22.05.2026
CLAUDIA KURSAWE: Ein einmaliger Anlass, ein Wunsch nach Ewigkeit: Was macht die Fotografie bei Hochzeitsfesten aus?
CHARLOTTE ANNA RATHMANN: Sie ist unverwechselbar, etwas Besonderes und wird nahezu seit dem Beginn fotografischer Aktivitäten praktiziert. Gleichzeitig haben sich Hochzeitsfeste als Brauchtum über einen langen Zeitraum stark verändert und erweitert. Der Wandel des Geschmacks in der Hochzeitsfotografie reflektiert in vielerlei Hinsicht den Wandel einer Gesellschaft. Meine Arbeit fragt, wie die Hochzeitsfotografie diese Transformationsprozesse dokumentiert und aktiv mitgestaltet hat. Das Konzept der Ehe und der Heirat ist in sehr vielseitigen Formen in fast allen Kulturen auf der Welt zu finden. Ich habe mich auf die fotografischen Darstellungsformen westlicher Hochzeiten seit der Entstehung der Fotografie fokussiert.
Die Besonderheit der Hochzeit ist auch durch die Einmaligkeit des Anlasses bedingt. Sie wird gemeinhin als «der schönste Tag im Leben» deklariert und als Höhepunkt konstruiert. Je einmaliger die Erfahrung, desto wichtiger scheint es, diese für die Ewigkeit festzuhalten. Die Fotografie bringt aus dem Bündnis für die Ewigkeit eine Momentaufnahme für die Ewigkeit hervor.
Wie hat sich die Darstellungsart von Hochzeiten verändert? Und was ist geblieben?
In der Hochzeitsfotografie zeigt sich, wie Gesellschaften intime Beziehungen imaginieren. Seit 1860 lässt sich nach der Recherche von Katrin Indra beobachten, wie sich die fotografische Darstellung von Liebe und Zuneigung zwischen Braut und Bräutigam auf Fotografien etabliert hat. Das hängt mit der Forderung der Liebe als Grundlage einer Ehe zusammen, die im Laufe des 20. Jahrhunderts im westlichen Kulturraum zum Selbstverständnis geworden ist.
So entwickelte sich das Hochzeitporträt von der nüchternen Darstellung einer Zweckgemeinschaft zunehmend zur visuellen Repräsentation eines Liebespaares. Die Liebeshochzeit ist heute ein erstrebenswertes Ideal, das ausgeschmückt und in entsprechende Bilder übersetzt wird, um es mit der Öffentlichkeit zu teilen.
«Das Hochzeitporträt entwickelte sich zunehmend von der nüchternen Darstellung einer Zweckgemeinschaft zur visuellen Repräsentation eines Liebespaares.» – Charlotte Anna Rathmann
Links: Ein Stich von Queen Victoria und Prinz Albert nach ihrer Trauung im St. James's Place in London am 10. Februar 1840. (Bild: Stich von S. Reynolds nach F. Lock). Rechts: Das Paar 14 Jahre später: Am 11. Mai 1854 nahm der Fotograf Roger Fenton eine Porträtserie von Queen Victoria und Prinz Albert im Buckingham Palace auf, das möglicherweise an ihre Hochzeitszeremonie erinnern sollte. Das weiße, reich verzierte Kleid der Königin wurde für spätere Generationen zum Vorbild des idealen Brautkleides.
Welche historischen Vorbilder gab es?
Ein am 11. Mai 1854 von Roger Fenton aufgenommenes Doppelporträt von Queen Victoria und Prinz Albert wurde später als eines der ersten Hochzeitsbilder interpretiert. Tatsächlich war die Hochzeit aber bereits 1840. Lediglich eine Radierung scheint aus dieser Zeit überliefert zu sein. Ob es sich bei dem Bild von 1854 um eine fotografische Nachstellung im ähnlich festlichen Gewand mit Schleier handelt, ist nicht eindeutig zu sagen. Die Fotografie wurde jedenfalls zum Vorbild für andere Hochzeitspaare. Im späten 19. Jahrhundert etablierte sich schließlich die fotografische Visualisierung von Hochzeiten.
Hochzeitsfotografien, die das Brautpaar abbilden, entstanden aufgrund der technischen Gebundenheit zunächst ausschließlich in Ateliers. Außerdem waren nicht zu jeder Hochzeit unmittelbar Fotografen verfügbar. In einigen ländlichen Gegenden war es üblich, mehrere Wochen oder sogar Monate zu warten, bis ein Fotograf schließlich in die Gegend kam. Daraufhin wurde alles für das Erinnerungsfoto nachgestellt.
Bis Mitte des 20. Jahrhunderts konnten Paare sich außerdem für die klassische Doppelporträtaufnahme bei Bedarf einen Blumenstrauß vom Fotografen ausleihen. Dieser war meist aus Kunstblumen angefertigt und befand sich demnach in einer Vielzahl von Brauthänden und schließlich auf diversen Fotografien.
Wann entstanden die ersten Bildserien von Hochzeiten?
Erst in den 1920er Jahren bringen private Hochzeitsaufnahmen die ersten Serien hervor. Sie inszenierten die Hochzeit als einen dramaturgischen Bogen, als eine Geschichte von einem Vorher und einem Nachher. In den 1940er Jahren kam das Elektronenblitzgerät auf und ermöglichte mobilen Kameras das Fotografieren in geschlossenen Räumen. In der Nachkriegszeit verbreitete sich schließlich die fotografische Hochzeitsreportage, wie wir sie heute kennen, in größerem Umfang.
«Hochzeitsfotografien, die das Brautpaar abbilden, entstanden aufgrund der technischen Gebundenheit zunächst ausschließlich in Ateliers.» – Charlotte Anna Rathmann
Was kann man an der Darstellung des Paares erkennen?
Die Hochzeitsfotografie ist ein Synonym für das Porträt von Braut und Bräutigam. Sie steht wie kein anderes Genre für das Doppelporträt. Dieses Porträt ist eine Idealvorstellung, die sich zusammen mit ihrer visuellen Repräsentation in allen Gesellschaftsschichten etabliert hat. Die zu Beginn der Visualisierung von Hochzeiten festgelegte Pose, die Braut und Bräutigam auf ihrem Hochzeitsporträt einnehmen, gleicht einer Normierung, die mit der Ausnahme kleiner Änderungen stets übernommen wird. Auch heute inszeniert dieses Bild spezifische Geschlechterrollen.
Welche Rolle wurde der Braut zugesprochen?
Hochzeitsporträts in ihrer Vielzahl sind zeitgeschichtliche Dokumente, die nicht etwa Individuen in ihrer Besonderheit, sondern vielmehr deren soziale Rollen visualisieren.
Aufgrund ihrer sozialen Integrationskraft war die Hochzeit bis in die 1930er Jahre eines der ersten fotografisch festgehaltenen Ereignisse des Individuums. Für die Braut im Bürgertum des 19. Jahrhunderts war die Hochzeit der Höhepunkt ihres Lebens. Ihr Lebensinhalt unterwarf sich der Heirat und Ehe, worauf sie zielgerichtet vorbereitet wurde. Das fotografische Bild der Hochzeit ist Symbol und Zeugnis der Verwirklichung dieser sozialen Rolle. Für einige Paare wurde es sogar das einzige Foto, das jemals von ihnen aufgenommen wurde.
So nutzte beispielsweise auch August Sander (1876–1964) die Porträtfotografie, um archetypische Repräsentationen für möglichst jeden Typus, jede soziale Klasse, jede Berufung und jedes Privileg der Gesellschaft nach Beginn des 20. Jahrhunderts zu finden.
Sein Werk «Menschen des 20. Jahrhunderts» ist keine fotografische Dokumentation einzelner Individuen, sondern vielmehr eine Übersicht sozialer Rollenbilder des 20. Jahrhunderts. Sanders Hochzeitsporträts zeigen auch die Strenge ehelicher Bindung im 20. Jahrhundert. Die Porträtierten wurden durch Kleidung und das starre, statische fotografische Prozedere formalisiert und der Idealform des bürgerlichen Subjekts angepasst.
«Das fotografische Bild der Hochzeit wurde für einige Paare sogar das einzige Foto, das jemals von ihnen aufgenommen wurde.» – Charlotte Anna Rathmann
Hochzeitsmoden in ihrer Zeit: Das Foto links stammt von 1900, das in der Mitte von 1921, das rechte Bild ist undatiert. Damals existierten schwarze und weiße Hochzeitskleider fast gleichrangig. Vor allem in ländlichen Gegenden und bei der einfachen Bevölkerung waren schwarze Hochzeitskleider seit dem 16. Jahrhundert üblich, da sie viel häufiger getragen werden konnten als weiße Kleidungsstücke. (Fotos: PD, Schweizerisches Sozialarchiv: F 5068-Fb-1392, Freilichtmuseum Roscheider Hof & Michael)
Auch Roland Barthes beschreibt das fotografische Porträt als zeremonielles Gesellschaftsspiel, für das das Individuum posiert. Es ist ein geschlossenes Feld, in dem sich vier Dimensionen überschneiden, kollidieren und transformieren: «Vor dem Objektiv bin ich zugleich der, für den ich mich halte, der, für den ich gehalten werden möchte, der, für den der Photograph mich hält, und der, dessen er sich bedient, um sein Können vorzuzeigen.» Es handelt sich um einen eigenartigen Vorgang, bei dem das Individuum sich selbst nachahmt.
Seit dem Aufkommen der Hochzeitsfotografie bringt diese also nicht etwa nur bestimmte Personen, sondern vor allem Rollenbilder hervor. In erster Linie werden Bilder des konventionell-schönen, heterosexuellen Paares produziert und repräsentiert. Normative Bilder wirken sich nachhaltig auf die Entwicklung des menschlichen Denkens, Fühlens und Entscheidungsverhaltens, sowie auf die Selbst- und Fremdwahrnehmung aus.
Sie sind eine wichtige Referenz für das Individuum und damit maßgeblich an der Visualisierung von Erfahrungen und Schlüsselmomenten in unserem Leben beteiligt. Wir reproduzieren Handlungsmuster, indem wir Vorbilder imitieren. Dies kann bewusst oder unbewusst geschehen.
«Nach Anton Holzer ist die Hochzeit ein Fest der symbolischen Einkleidung. Das Kleid der Braut ist ein Merkmal eines kulturellen Status und einer damit verbundenen Norm.» – Charlotte Anna Rathmann
Welche Bedeutung hat dabei das Brautkleid?
Fotografie und Kleid zusammen sind zu integralen Bestandteilen einer Hochzeit geworden. Nach Anton Holzer ist die Hochzeit ein Fest der symbolischen Einkleidung. Das Kleid der Braut ist ein Merkmal eines kulturellen Status und einer damit verbundenen Norm. Die klassische Hochzeit im weißen Kleid kann als Inszenierung betrachtet werden, die die geschlechtsspezifische Rolle der Braut zur Schau stellt. In allen Gesellschaftsschichten war die Hochzeitskleidung stets eine Form der besonders reichen Festkleidung in vorherrschenden Modefarben und -formen. Daher ist das Brautkleid im Verlauf seiner Historie eigentlich lediglich ein Ausdruck der aktuellen Mode.
Um 1900 nahm die Zahl der Hochzeitsfotos stetig zu. Diese zeigen fast gleichrangig schwarze und weiße Brautkleider. Das sehr helle Kleid eignete sich dabei besonders gut für die frühen Schwarzweiß- und Sepia-Fotografien, auf denen es besonders hervorkam. Die einfache Bevölkerung trug keine spezielle Hochzeitskleidung, sondern ein Festkleid, das häufig schwarz war. Modezeitschriften präsentierten überwiegend weiße Brautmode. Beide Kleidertypen – weiß und schwarz – wurden durch einen weißen Schleier ergänzt.
«Die einfache Bevölkerung trug keine spezielle Hochzeitskleidung, sondern ein Festkleid, das häufig schwarz war.» – Charlotte Anna Rathmann
Heute verbinden wir mit der hochzeitlich geschmückten Braut meist die Vorstellung eines weißen Kleides und denken, dass hier Gepflogenheiten weiterwirken, die viele Jahrhunderte zurückreichen – dabei ist dem nicht so. Die Mode, ein weißes Brautkleid zur Hochzeit zu wählen, lässt sich nur bis zum Ende des 17. Jahrhunderts zurückverfolgen. Der Brautschleier hingegen ist kulturgeschichtlich sehr viel älter als das weiße Brautkleid und gilt bereits seit dem 4. Jahrhundert als ein Symbol der Reinheit.
In den prunkfreudigen Zeiten der Renaissance und des Barocks war es üblich, dass die Braut zu ihrer opulent gestalteten Robe reichlich Schmuck anlegte. Die Krone war das unentbehrlichste Ausstattungsschmuckstück einer rechtschaffenen Braut, da sie für die Jungfräulichkeit der Braut stand und diese verkündete. In der Regel wurde die Krone von der Kirche verwahrt und für Hochzeiten ausgeliehen.
Das weiße Hochzeitskleid in Kombination mit symbolgebundenen Accessoires, wie Krone, Schleier oder Blumen, ist die Übersetzung ideal weiblicher Eigenschaften. Diese kulturelle Formsprache des Ideals haben sich immer wieder verschiedene Träger, wie zum Beispiel der Thron, die Kirche, die Modeindustrie oder auch fremde Kulturen angeeignet. Es hat sich vom Ausdruck einer Modeerscheinung zu einem traditionsgebundenen, gesamtheitlichen Erscheinungsbild entwickelt.
Auch heute noch personifiziert sich dieses Sehnsuchtsmotiv in der Rolle der zukünftigen, wenn auch zumal fiktiven, Königin. Die Fotografie hat seit anderthalb Jahrhunderten das Rollenspiel der Geschlechter fixiert. Insbesondere die Hochzeitsfotografie ist zur privilegierten Bühne für die Inszenierung der Geschlechter geworden.
«Das Betreten der Kulisse im Brautkleid ist eine theatralische Geste und gleichzeitig der Auftakt zur Entstehung eines visuellen Dokuments.» – Charlotte Anna Rathmann
Wie präsentiert sich die Hochzeitsfotografie heutzutage? Was sagt das über uns aus?
Auch heute noch sind Hochzeitsfotos symbolische Stellvertreter des Individuums. Zur Zweckmäßigkeit der gesellschaftlichen (Selbst-)Inszenierung haben sich die Hochzeitsfotografie und ihre Bildrepertoires ständig erweitert – so weit, dass das Hochzeitsfoto in einigen Fällen sogar zum Surrogat der gesellschaftlich legitimierten Zeremonie wurde.
In den sozialen Medien zum Beispiel werden Hochzeiten in reichlich verschieden Stilen visualisiert und verbreitet. Viele Brautpaare nehmen diese Bildrealitäten als Referenz und Maß für die fotografische Visualisierung ihrer eigenen Hochzeit. Paare stellen ihre Fotos so schnell wie möglich online, um sie mit Familie, Freunden und Followern zu teilen. Dazu werden nun auch vermehrt sogenannte «content creator» hinzugezogen, die die Ereignisse mit Smartphones reflexhaft und automatisiert dokumentieren und so besonders schnell fotografische Bilderzeugnisse liefern.
Die fotografische Inszenierung und Dokumentation des Ereignisses hat einen erhöhten Stellenwert erhalten und bestimmt die Festivität maßgeblich. Immer mehr Paare wünschen sich, am Tag der Hochzeit von den frühen Morgenstunden bis in die Nacht fotografiert zu werden.
In den Symbolsystemen der Industriegesellschaft lässt sich eine Sehnsucht und die Idealisierung ursprünglich geprägter Symbole, Bräuche und Rituale beobachten, die einem Bedürfnis nach Orientierung und Identifikation nachgehen. Teilweise werden alte Symbol- und Bildsprachen aus einer Zeit patriarchaler Herrschaften wiederbelebt und/oder rekontextualisiert. Auch «moderne» Hochzeitsfotografie weist Symbole traditionsgebundener Brauchtümer auf, vermittelt darüber hinaus aber auch den Wunsch nach Selbstbestimmtheit und Individualität.
An der Hochzeitsfotografie lässt sich also exemplarisch beobachten, wie sich die Fotografie vom Medium der Beglaubigung sowie zur Validierung von Erfahrungen und Status zum Mittel identitätsstiftender Bildproduktion im Rahmen einer vergnüglichen Selbstinszenierung erweitert hat. Das Betreten der Kulisse im Brautkleid ist eine theatralische Geste und gleichzeitig der Auftakt zur Entstehung eines visuellen Dokuments: Das Hochzeitskleid formt einen sozialen Körper, der sich in der Fotografie verfestigt. Zusammen inszenieren sie Idealbilder gesellschaftlicher Vorstellungen.
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