Das Bild in seiner Zeit
Neuanfang im Exil – Fred Stein in Paris
Text: Daniel Siemens — Fotos: Fred Stein
Der deutsch-jüdische Fotograf Fred Stein wurde 1909 in Dresden als Sohn eines Rabbiners und einer Religionslehrerin geboren. Nach der Schule studierte er Jura und wollte eigentlich Rechtsanwalt werden. Doch nur wenige Wochen bevor er sein Referendariat mit dem zweiten Staatsexamen abschließen konnte, wurde er 1933 aus dem Justizdienst entlassen.
Der neue sächsische Justizminister Otto Georg Thierack, einer der «Kronjuristen» des Dritten Reichs, hatte das entsprechende Schreiben vom 27. Juni 1933 unterzeichnet. Stein sei «nach seinen eigenen Angaben nicht arischer Abstammung» hieß es darin. Außerdem habe er sich «politisch so betätigt», dass er «keine Gewähr dafür bietet, jederzeit für den nationalen Staat rückhaltlos einzutreten».
Spätestens seit seiner Studienzeit in Heidelberg, München, Berlin und Leipzig verstand sich Fred Stein als Sozialist. 1931 schloss er sich der neugegründeten Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) an, die damals einen Mittelweg propagierte zwischen der allzu «verbürgerlichten» Sozialdemokratie (SPD) und der von Moskau aus gesteuerten Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD). Besonders für die gemäßigten Sozialdemokraten hatten junge SAPler wie Stein nur Spott übrig und warfen ihnen vor, die Notverordnungspolitik unter Reichskanzler Brüning und die tiefen Sozialeinschnitte mitzutragen und so die Arbeiter zu verraten.
Stein selbst ließ sich nicht so leicht einschüchtern: Er übernahm auch dann noch Kurierdienste für die SAP, hielt Vorträge unter anderem Namen oder ging zu Geheimtreffen der Partei, als die Nationalsozialisten im Frühjahr 1933 bereits die Straßen beherrschten und ihre politischen Gegner einschüchterten, inhaftierten, misshandelten oder ins Exil trieben. Im Sommer 1933 jedoch erhielt er eine Warnung: Auch er sei ins Visier der Nazis geraten, mahnte ein Kollege.
«Spätestens seit seiner Studienzeit in Heidelberg, München, Berlin und Leipzig verstand sich Fred Stein als Sozialist.» — Daniel Siemens
Erst durch seine Entlassung aus dem Justizdienst kam Fred Stein im französischen Exil zur Fotografie. Seit Oktober 1933 lebten er und seine Frau Lilo in Paris und versuchten sich dort mit einer gebrauchten Leica I als freiberufliche Fotografen. Die Kamera hatten sie sich erst wenige Monate zuvor in Dresden selbst zur Hochzeit geschenkt und bis dato kaum mehr als drei Filmrollen belichtet. Doch das stand ihrem Entschluss nicht im Weg: In ihrer Wohnung in der Rue Caulaincourt 55 im 18. Pariser Arrondissement eröffneten sie ihr eigenes «Fotostudio Stein».
Zugleich engagierte Fred Stein sich in Paris politisch. Bis 1939 bewegte er sich im Umfeld der Pariser Ortsgruppe der SAP, die sich aus zahlreichen linken Exilanten in der Stadt zusammensetzte. Zudem hatte er Kontakt zur Auslandsleitung der SAP, die ebenfalls in der französischen Hauptstadt ansässig war und arbeitete an der von der SAP herausgegebenen Zeitschrift «Die Neue Front» mit, für die führende Kräfte der Partei schrieben.
Auch Willy Brandt schickte regelmäßig Berichte aus seinem Exil in Oslo. Die «Neue Front» diente in erster Linie als Organ für programmatische Debatten innerhalb der SAP. Sie berichtete aber auch kenntnisreich über die Situation in Deutschland, besonders mit Blick auf die Verfolgung der Nazi-Gegner.
Ab 1935 wurde Fred Stein außerdem Mitglied im «Verband deutscher Journalisten in der Emigration«, zwei Jahre darauf sogar dessen Vorstandsmitglied. In diesem Umfeld lernte er Georg Bernhard kennen, den Chefredakteur der «Pariser Tageszeitung» der Exilanten. «Wir dachten damals, wir könnten die Welt retten. Wir machten uns große Illusionen», erinnerte sich Lilo Stein später an diese Zeit. Und so waren die Versammlungen und Demonstrationen der politischen Linken in Frankreich ein regelmäßiges Motiv von Fred Steins Fotoarbeiten jener Jahre.
Zudem fertigte er Porträtaufnahmen von einer ganzen Reihe bekannter Exilanten aus Deutschland an, die er aufgrund seiner politischen und journalistischen Arbeit kennenlernte – unter ihnen Bertolt Brecht, Anna Seghers, Ernst Kantorowicz, Alfred Döblin und Klaus Mann.
«Diese Aufnahmen sind weltberühmt, ihr Fotograf ist weitgehend unbekannt.»
Wie stark sich Stein als junger Mann in Paris als politischer Fotograf und Bildjournalist verstand, zeigen exemplarisch seine Aufnahmen von den großen Streiks in Nordfrankreich im Mai und Juni 1936. Die französischen Gewerkschaften nutzten den Wahlerfolg der Volksfront vom 3. Mai, um sofort Druck auf die neue Regierung auszuüben und weitreichende Sozial- und Arbeitsschutzmaßnahmen sowie Lohnerhöhungen durchzusetzen.
Millionen von Arbeitern wurden für Streiks mobilisiert. Symbolisch besonders bedeutsam für die Streikbewegung im ganzen Land war eine Aktion in der Renault-Fabrik in Boulogne-Billancourt im Westen von Paris. Entsprechend groß war die mediale Aufmerksamkeit: Über Wochen hinweg sorgten zahlreiche Journalisten für eine umfassende Berichterstattung. Und Fred Stein war mittendrin.
«Seine Porträts und Straßenszenen erzählen von Würde, Menschlichkeit, politischen Kämpfen – und einer Welt, die dem Exilanten selbst oft versagt blieb.» — Daniel Siemens

Von den Bildern, die Fred Stein damals von den streikenden Arbeitern in Billancourt machte, sind nur wenige Kontaktabzüge erhalten. Sie zeigen Redner auf Kundgebungen sowie Demonstrationszüge mit Fahnen und Banner, aber es gibt auch einzelne Porträts von streikenden Arbeitern mit erhobener Faust oder beim Singen von Arbeiterliedern. Erstmals waren die Fabriken in Frankreich in jenem Frühsommer 1936 für Wochen von Streikenden besetzt. Die Produktionen standen still. Und doch kam es zu keinen größeren Zerstörungen. Die Stimmung unter den Besetzern war hoffnungsvoll, mitunter euphorisch.
Schaut man sich die Aufnahmen Fred Steins heute genauer an, muten einige gestellt an, die meisten aber wirken natürlich und zeigen die Streikenden aus großer Nähe. Es ist deutlich zu sehen, dass Stein mit dem Milieu vertraut war und führende Personen der Streikbewegung kannte. Seine Aufnahmen zeugen davon, dass er sich unter die Menschen mischen konnte, die ihrerseits ungezwungen auf ihn und seine Kamera reagierten.
Er interessierte sich nicht nur für die organisierte Masse und ihre Kundgebungen, sondern auch für das Engagement und den Idealismus der Einzelnen. Wiederholt nahm er Streikende von Angesicht zu Angesicht auf. Bilder, die auf eine Distanz oder auch nur auf ein ambivalentes Verhältnis Steins zu seinem Thema hindeuten, sind nicht überliefert. Der Fotograf schien hier ganz bei sich – er verließ die Rolle des Journalisten und ergriff Partei.
Dementsprechend fangen Steins Bilder den Optimismus der organisierten Arbeiterschaft jener Wochen gut ein. Oftmals posierten die Arbeiter für ihn und vermutlich auch für andere Fotografen. Neben Stein fotografierte etwa auch Willy Ronis (1910-2009) in der besetzten Renault-Fabrik. Während Ronis Bilder inzwischen Teil des kulturellen Gedächtnisses von Paris sind, ist das sozialistische Engagement des Fotografen Fred Stein jedoch erst in Umrissen bekannt. Der Franzose Ronis lebte sein ganzes Leben in seiner Heimatstadt, während Steins Pariser Fotografentätigkeit eine Episode von nur wenigen Jahren blieb.
Wie so viele andere Exilanten aus Deutschland internierten die französischen Behörden auch Fred Stein in den ersten Tagen des Zweiten Weltkriegs, im September 1939. Zunächst kam er in ein Lager in Villerbon nördlich von Blois, später in das Lager Marolles bei Lisieux. Im Mai 1940 wurde er schließlich als Arbeitskraft an die British Expeditionary Force in Frankreich übergeben.
Die Briten setzen ihn in der «706. Foreign Labour Company» in Saint-Nazaire an der Loire-Mündung zum Straßenbau und zur Errichtung von Militärgebäuden ein. Erst Ende Juni 1940, kurz bevor die vorrückende Wehrmacht Saint-Nazaire erreichte, konnte Stein fliehen und schlug sich in einer dreiwöchigen Wanderung in den zumindest nominell «freien» Süden Frankreichs durch.
In Toulouse traf er seine Frau Lilo und die im Jahr 1938 geborene gemeinsam Tochter wieder. Die beiden waren unter abenteuerlichen Umständen im Juli 1940 aus dem besetzten Paris entkommen, was auch erklärt, warum so viele seiner politischen Bilder bis heute verschollen sind: Da Lilo auf jener Reise jederzeit mit einer Durchsuchung ihres Reisegepäcks oder einer Verhaftung rechnen musste, hatte sie sich dazu entschieden, nur einen kleinen Teil der in Paris gemachten Abzüge und Negative mitzunehmen – und zwar die Motive im Sinne einer «humanistischen Straßenfotografie», mit denen Fred Stein später berühmt werden sollte. Diese Bilder waren harmlos, während seine politischen Motive von der «Volksfront», von Demonstrationen und Parteiversammlungen allzu leicht Verdacht erregten und somit eine Gefahr darstellten.
Die Bilder, die Lilo Stein nicht mitnehmen konnte, schickte sie an ein Archiv – in der Hoffnung, dass sie dort überdauern könnten. Um welches Archiv es sich dabei handelte, ist jedoch nicht bekannt. Seit dem Sommer 1940 müssen viele der «politischen» Aufnahmen Fred Steins aus den 1930er Jahren als vermisst gelten.
Dieser Text basiert auf dem Buch von Daniel Siemens: «Der Fotograf Fred Stein. Ein deutsch-jüdisches Leben (1909-1967)», das am 11. März 2026 im Berliner Ch. Links Verlag erschienen ist.
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