In einer solchen Maschine der Schweizer Fluggesellschaft Swissair wurden 1935 in einem Charterflug sechs Pressefotos von Zürich nach London geflogen. Foto: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv/Stiftung Luftbild Schweiz / LBS_SR01-0014
Text: Martin Berz — 23.01.2026
In Küssnacht am Rigi, am Ufer des Vierwaldstättersees, ereignete sich am 29. August 1935, einem Donnerstag, um kurz nach neun Uhr morgens ein schwerer Verkehrsunfall. Ein luxuriöses Cabriolet kam von der Straße ab, stürzte eine steile Böschung hinab und kam erst im Schilf des Sees schwer beschädigt zum Stehen.
Unmittelbar danach erhielt Willy Rogg, ein 25-jähriger Student der Zahnmedizin aus Küssnacht am Rigi, einen Telefonanruf von seinem Vater, dem Amtsschreiber der Gemeinde. Es hätte am Ortsrand einen Unfall mit «hochgestellten Leuten» gegeben, informierte dieser seinen Sohn. Er solle mit seiner Fotokamera dorthin fahren und Aufnahmen machen. Sofort fuhr Willy Rogg mit seinem Fahrrad los.
Bald darauf sprach sich im Dorf herum, wer in dem Unfallwagen gesessen hatte: Es war das junge belgische Königspaar – Königin Astrid und König Leopold III. Sie weilten damals für einen privaten Urlaub in ihrer Villa Haslihorn in der Nähe von Luzern und waren an jenem Morgen auf dem Weg zu einem Wanderausflug.
Als Willy Rogg mit seinem Fahrrad am Ort des Unglücks eintraf, hielt der verletzte belgische König den leblosen Körper seiner Frau in den Armen. Rogg versuchte erste Hilfe zu leisten und fühlte nach ihrem Puls. Doch das Herz von Königin Astrid hatte bereits aufgehört zu schlagen. Wie sich später herausstellte, war sie aus dem Auto geschleudert worden und hatte sich dabei tödliche Kopfverletzungen zugezogen.
Als der junge Student Willy Rogg sah, dass er nicht mehr helfen konnte, machte er, wie vom Vater geheißen, am Ort der Tragödie ein paar Fotos. Seine sechs Bilder zeigen das Autowrack, die Unfallstelle und den Moment, als der leblose Körper der Königin in einen Sarg gelegt wird. Es war das erste und einzige Unglück, das Willy Rogg jemals fotografisch festhielt.
«Es war das erste und einzige Unglück, das Willy Rogg jemals fotografisch festhielt.» –Martin Berz
Von oben links nach unten rechts: 1. Die tote Königin, bedeckt mit einem weißen Tuch, wird in den Sarg gelegt. Dabei anwesend (im schwarzen Mantel) ist Pfarrhelfer Severin Pfister. 2. Das Cabriolet des belgischen Königspaares im Schilf des Vierwaldstättersees, wo es zum Stehen kam. 3. Der Unfallwagen wird mit Eisenketten befestigt und per Boot abtransportiert. 4. Klemens Mühlemann jun. von der Autowerkstatt «Rigi-Garage» steht auf dem Unfallwagen. 5. Der Unfallwagen, hier in der Nahaufnahme, liegt im Vierwaldstättersee. 6. Der Autositz wurde beim Unfall hinausgeschleudert und liegt einzeln im Gras. Fotos: Willy Rogg / Heimatmuseum Küssnacht am Rigi
Neben Schaulustigen und Reportern kamen bald auch professionelle Fotografen an den Unfallort. Willy Rogg war jedoch der Einzige, der den Moment festgehalten hatte, in dem die Königin in den Sarg gelegt wurde. Die anderen Fotografen trafen erst später ein.
Rogg ließ seine Bilder sofort im Nachbardorf entwickeln und bot sie der Schweizer Presseagentur Photopress zum Kauf an. «Dort konnte man sich aber nicht zur Übernahme des wertvollen Materials entschließen – der zuständige Chef befand sich an der Tour de Suisse und das anwesende Personal war durch die Telefonanrufe aus aller Welt gänzlich verwirrt», so erzählte Rogg es später in einem Interview mit der Lokalzeitung «Bote der Urschweiz».
In der Zwischenzeit verbreitete sich die Nachricht über den Unfalltod der belgischen Königin über das Radio in ganz Europa und die Telefone der Nachrichtenagentur Associated Press (AP) in London klingelten Sturm. Zeitungsredaktionen aus ganz Europa, später auch aus Amerika, fragten nach Bildern des Unglücks. Ein Journalist der AP, der sich gerade in der Schweiz aufhielt, machte sich sofort auf den Weg zum Unfallort und erfuhr dort von Willy Roggs Bildern. Die Nachrichtenagentur AP war sich der Brisanz der Aufnahmen bewusst und entschloss sich, die Fotos zu kaufen. Sie bezahlten Rogg 100 Franken pro Bild – was heute fast 900 Euro pro Bild entspricht.
«Die Telefone der Nachrichtenagentur Associated Press (AP) in London klingelten Sturm. Zeitungsredaktionen aus ganz Europa, später auch aus Amerika, fragten nach Bildern des Unglücks.» – Martin Berz
Nun mussten die Bilder aber so schnell wie möglich ins Londoner Büro der Associated Press gebracht werden. Denn dort stand ein Radiofunkgerät mit neuster Technik, dass imstande war, die Fotos via Bildfunk zu verbreiten. Das Gerät funktionierte so: Es wurde jeweils ein Bild auf einen rotierenden Zylinder gespannt. Ein Lichtstrahl tastete das Foto Zeile für Zeile ab und wandelte Helligkeitsunterschiede in elektrische Signale um, die per Funk übermittelt wurden. Beim Empfänger wiederum wurde das Bild synchron auf Fotopapier geschrieben. Auf diese Weise konnten Bilder innerhalb weniger Minuten drahtlos an Zeitungsredaktionen in der ganzen Welt gesendet werden.
So kam es, dass die sechs Bilder nach der Einigung zwischen Willy Rogg und dem AP-Journalisten per Taxi zum Flughafen Zürich in Dübendorf gebracht wurden. Dort wartete bereits Walter Mittelholzer, der legendäre Schweizer Flugpionier und Luftbildfotograf. Die Presseagentur AP hatte Mittelholzer in der Zwischenzeit kontaktiert und ihm für einen Flug der Bilder nach London die enorme Summe von 5000 Franken angeboten – was heute einem Betrag von über 40.000 Euro gleichkommt.
Die Swissair flog bis zu diesem Zeitpunkt mit ihren Maschinen nur bei Tag. Walter Mittelholzer überredete seinen Kollegen Robert Gsell, der ebenfalls ein erfahrener Pilot war, mit ihm den ersten Nachtflug der Swissair zu wagen. Um 21:35 Uhr flogen sie in einer Douglas DC-2 in die dunkle Nacht Richtung Westen. Das Flugzeug mit den 14 Sitzen transportierte aber keine Passagiere, sondern nur die exklusiven Fotoaufnahmen.
Der Flug war zudem nicht ungefährlich. Auch wenn es eine Sommernacht war, auf der Flughöhe von 4.000 Metern war es bitterkalt. An den Luftschrauben und am Fenster des Cockpits bildete sich zeitweise Eis. Doch die beiden Piloten meisterten den Flug. Nach drei Stunden und zwanzig Minuten landeten sie um 0:55 Uhr auf dem Flugplatz Croydon in London, wo bereits ein Kurier wartete. Er nahm die sechs Bilder in Empfang und brauste auf seinem Motorrad zum Büro der Nachrichtenagentur Associated Press.
«Die Swissair flog bis zu diesem Zeitpunkt mit ihren Maschinen nur bei Tag. Walter Mittelholzer überredete seinen Kollegen Robert Gsell, der ebenfalls ein erfahrener Pilot war, mit ihm den ersten Nachtflug der Swissair zu wagen. Um 21:35 Uhr flogen sie in einer Douglas DC-2 in die dunkle Nacht Richtung Westen.» – Martin Berz
Weniger als 24 Stunden nach dem tragischen Unglück waren die Bilder von Willy Rogg in Zeitungen zu sehen, darunter im britischen «Daily Express». Die auflagenstarke Boulevardzeitung scheute keinen Aufwand, um die Unfallbilder so schnell wie möglich zu veröffentlichen. Denn es war eine Zeit, in der das Radio immer populärer wurde und damit zu einer ernstzunehmenden Konkurrenz der Printmedien: Schließlich ließen sich die Nachrichten per Radio noch schneller in die Wohnzimmer in aller Welt übertragen, als es den Zeitungen möglich war, die erst gedruckt werden mussten. Die Zeitungen und Magazine wiederum konnten ihren Leserinnen und Lesern aber etwas bieten, was das Radio nicht konnte: spektakuläre Fotos.
Die Fakten zeigen, dass es bereits 1935 ein effizientes und extrem schnelles Netzwerk für den Vertrieb von Sensationsfotos gab, für die viel Geld bezahlt wurde. Die Schweizer Zeitung «Luzerner Neuste Nachrichten» schaffte es sogar, noch am Abend des Unglückstages ein Extrablatt herauszugeben. Auf der Titelseite waren neben einem Archivporträt von Königin Astrid zwei Bilder der Unfallstelle zu sehen, die von einem lokalen Fotografen stammten.
«Einen Tag nach dem Unfall, meldete sich der belgische Außenminister Paul-Henri Spaak telefonisch bei Willy Rogg und bat ihn im Namen des Königshauses, die Fotos nicht an die Presse weiterzugeben.» – Martin Berz
Einen Tag nach dem Unfall, meldete sich der belgische Außenminister Paul-Henri Spaak telefonisch bei Willy Rogg und bat ihn im Namen des Königshauses, die Fotos nicht an die Presse weiterzugeben. Willy Rogg bedauerte und teilte ihm mit, dass die Bilder bereits in London und in diversen Zeitungsredaktionen seien. Zugleich versicherte er, keine reißerischen, sondern lediglich respektvolle Aufnahmen aus ausreichender Distanz gemacht zu haben.
Das Medieninteresse am tragischen Tode der belgischen Königin, die noch nicht einmal 30 Jahre alt war, als sie jäh aus dem Leben gerissen wurde, war enorm. Innerhalb weniger Tage berichteten Zeitungen auf der ganzen Welt über das traurige Ereignis. Und die allgemeine Bestürzung kam nicht von ungefähr: Königin Astrid, die als Prinzessin von Schweden geboren war, war eine Art Diana ihrer Zeit. Sie war jung, schön und wohltätig engagiert, außerdem Mutter von drei kleinen Kindern, bescheiden und volksnah.
Sie war der Liebling der Boulevardpresse, die gerade in den 1930er Jahren populär wurde. Die Printmedien retuschierten sogar ihre Bilder, um sie noch schöner erscheinen zu lassen. König Leopold III. und Königin Astrid galten als Glamourpaar und waren auch deshalb in ganz Europa und selbst in Amerika so populär, weil ihre Verbindung eine Liebesheirat war und sie ihre Zuneigung öffentlich zeigten – eine Seltenheit in europäischen Königshäusern jener Zeit.
Ein weiterer Umstand des Unfalls machte den Tod der jungen Königin noch tragischer: Ihr Gemahl hatte am Steuer gesessen. König Leopold III. hatte seinen Chauffeur an jenem verhängnisvollen Morgen gebeten, auf dem Rücksitz des Cabriolets Platz zu nehmen, da er selber fahren wollte.
Wie später bei Prinzessin Diana, verfolgten die Menschen auf der ganzen Welt gebannt die Berichterstattung über den Tod der belgischen Königin. Menschliche Tragödien ziehen uns auf seltsame Weise in ihren Bann, vielleicht, weil sie jeden ereilen können, in diesem Glücks- und Schicksalsspiel, das sich Leben nennt. Es ist ein Phänomen, vom dem der Boulevardjournalismus lebt – und so heißen die auflagenstarken Boulevardzeitungen Deutschlands und der Schweiz auch nicht zufällig: «Bild» und «Blick». Denn noch immer gilt: Ohne Bild keine Story.
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