Text — Alisa Verzhbitskaya
Fotos — Godwin Jesurajah (links), Natalia Ehret (rechts)
Lost in Translation?
Als Informationsdesignerin und Fotografin bemerke ich immer wieder, wie sehr mich Themen faszinieren, die mit Migration, Verbindungen und Überschneidungen, aber auch Unterschieden und Eigenheiten verschiedener Kulturen zu tun haben. Sicher liegt das auch an meinem eigenen Hintergrund: Ich bin in Russland geboren und habe dort meine Kindheit verbracht, lebe aber seit vielen Jahren in Deutschland. Wie viele andere Migrantinnen und Migranten auch, habe ich Bestandteile meiner Kultur und Prägungen meines Heimatlandes mit in meine Wahlheimat gebracht. Darunter: Musik, die für mich ein essenzieller Teil meiner kulturellen Identität ist.
So kam ich während eines Semesterprojektes an der Universität der Künste (UdK) in Berlin auf die Idee zu einem Experiment. Ich fragte mich: Was löst ein Lied bei einem Menschen aus, der es weder sprachlich noch kulturell zuordnen kann? Wie würde eine Fotografin oder ein Fotograf die Gesänge, die Tonalität, die Instrumente, die Melodien und Rhythmen visuell übersetzen? Zu was würde das Lied sie oder ihn inspirieren?
Ein Lied mit unvertrautem Klang, in fremder Sprache
Um diesen Fragen auf den Grund zu gehen, wählte ich einen Song aus meiner persönlichen Playlist aus. Es ist das Lied einer Künstlerin aus Russland, die jedoch nicht auf Russisch, sondern auf Tatarisch singt. Die Auswahl war zufällig, aber nicht beliebig: Mir schwebte ein minimalistisches Stück vor, das unerwartet und unvertraut klang und daher leicht «missinterpretiert» werden konnte – ein Lied, das sich nicht unmittelbar mit «russischer Musik» assoziieren ließ.
Der Song in tatarischer Sprache eignete sich dafür besonders gut. Denn die tatarischen Einflüsse in der russischen Popkultur sind in Deutschland kaum bekannt. Außerdem enthielt das Stück verschiedene kulturelle Codes. Es sorgte also eher für Verwirrung oder Irritation, als dass es eine schnelle Deutung anbot – genau das machte es für mich spannend. Damit die Teilnehmenden meines Experiments auch aus dem Titel keine Informationen herleiten konnten, bearbeitete ich sowohl den Namen als auch die Metadaten der Datei. So entstand: Song_Unknown.mp3.
Die Aufgabe
Ich fand eine Fotografin und einen Fotografen, die sich auf das Experiment einließen. Es waren Natalia Ehret und Godwin Jesurajah. Beide kannten den zugeschickten Song vorher nicht und sollten ihn unabhängig voneinander fotografisch interpretieren. Hilfsmittel wie die App «Shazam», die Lieder erkennt, waren nicht erlaubt. Schließlich ging es darum, ausschließlich mit der eigenen Vorstellungskraft zu arbeiten. Ich schickte ihnen den «Song Unknown» gemeinsam mit der folgenden Aufgabe zu:
«Diese Aufgabe widmet sich der Frage, was Musik in unseren Köpfen auslöst, vor allem wenn die Sprache nicht verständlich, das Lied gänzlich unbekannt ist.
Der Musikstil, der Klang, der Rhythmus, bestimmte Instrumente – all diese Elemente geben Hinweise, die jede oder jeder individuell interpretieren kann. In dieser Sound-File (Song_Unknown.mp3) bekommst du einen dir unbekannten Song, den du frei fotografisch umsetzen kannst. Lass dich von dem inspirieren, was du hörst. Versuche, so konkret wie möglich zu visualisieren, was diese Musik in dir auslöst. Beschreibe, wen oder was du siehst, welche Farben, Materialien oder Stimmungen du wahrnimmst.»
Fotografische Antworten auf ein musikalisches Rätsel
Bereits eine Woche später schickten mir Godwin Jesurajah und Natalia Ehret ihre Ergebnisse. Natalia Ehret hatte sich für eine Selbstinszenierung entschieden, während Godwin Jesurajah eine Frau porträtiert hatte. Interessanterweise wirkten beide Arbeiten wie feministische Manifeste. Auffällig waren für mich aber nicht nur die sichtbaren Parallelen, sondern auch die Kontraste in den entstandenen Bildern.
Die Fotos von Godwin Jesurajah ließen sich mit einem Wort umschreiben: dunkel. Sehr dunkel. Die gesamte Serie (siehe die Bilder links im Layout) ist in tiefes Schwarz getaucht – (meist) unterbrochen von einem Hauch Neonrot, das als fremde Lichtquelle aufleuchtet. Dieses Rot ist das Einzige, was die porträtierte Frau anleuchtet. Sie zeigt ihr Gesicht nicht – denn sie ist vermummt. Nur in einem einzigen Bild zeigt sie sich, wobei die Dunkelheit das Bild überlagert. Und dieser dunkle Hintergrund bleibt diffus. Nur manchmal lässt sich ein schemenhafter Raum erahnen – vermutlich eine nächtliche, menschenleere Straße.
So scheinen nur zwei Personen anwesend zu sein: der Fotograf und die Frau. Was mir besonders auffiel, waren die Hände. Ihre ausdrucksstarken Gesten ziehen sich durch fast alle Motive. Sie interagiert nicht nur mit dem Licht – sondern mit uns als Betrachtenden. Oft wirken ihre Bewegungen abwehrend. Trotz dieser inszenierten Distanz gibt es visuelle Risse, durch die sich etwas anderes Bahn bricht: ein Hauch von Glanz (oder gar Kitsch ?) – lange Fingernägel mit Glitzersteinchen oder eine weiße Balaklava, verziert mit einem glitzernden Pailletten-Stern.
«Die Fotos von Godwin Jesurajah ließen sich mit einem Wort umschreiben: dunkel. Sehr dunkel.» — Alisa Verzhbitskaya
Müsste man Natalia Ehrets Selbstporträts (siehe die Bilder rechts im Layout) mit einem einzigen Wort beschreiben, wäre es wohl: grell. Grellgrün, um genau zu sein. Die Farbe dominiert das Setting – das aus einem Wohnzimmer zu einer Bühne umfunktioniert wurde. Ein leuchtend grüner Stoff hängt von der Decke und dient als Hintergrund. Doch er ist nicht makellos: Er wirft Falten und lässt ab und an Ecken des Zimmers durchblitzen. Zwischen diesem dominanten Grün platziert Natalia gezielt ein weiches Rosa – manchmal trägt sie es, manchmal berührt sie es.
In einer Aufnahme schwingt sie ein rosafarbenes Bettlaken durch die Luft – wie ein Vogel, der seine Flügel ausbreitet. Ihre Körpersprache wirkt selbstbewusst: erst distanziert, dann entblößend. Ich habe das Gefühl, sie scheut kein bisschen, sich ohne Fassade zu zeigen. Ich sehe sie vor mir, wie sie das Lied in Endlosschleife hört und sich von der Musik treiben lässt. Und auch hier fallen mir die subtilen Details auf, die den Bildern den gewissen Glanz verleihen: die spitzen neon-grünen Fingernägel oder die Birkenstocks in leuchtendem Orange.
«Müsste man Natalia Ehrets Selbstporträts mit einem einzigen Wort beschreiben, wäre es wohl: grell. Grellgrün, um genau zu sein.»
— Alisa Verzhbitskaya

Eine neue Komposition, ein fotografischer Klang
Nun hatte ich die beiden Aufnahmen vor mir – Hunderte von Bildern, aus denen ich zunächst versuchte, eine Auswahl zu treffen. Am meisten fielen mir bei beiden Arbeiten die wiederkehrenden Bewegungen auf – vermutlich getragen vom Rhythmus der Musik. Ich begann, bestimmte Ähnlichkeiten, etwa in der Gestik und den ähnlichen Kompositionen, zu strukturieren und nebeneinanderzustellen. Es funktionierte!
Manchmal glichen sich Haltung und Kamerawinkel, manchmal komplementierten für mich die Bewegungen der einen die Posen der anderen. Ich stellte die hochformatigen Bilder nebeneinander, sie bildeten plötzlich eine Einheit. Dadurch entstand eine neue, querformatige Komposition – wie ein Musikvideo im Splitscreen, das sich aus beiden Bildserien formte.
Die übereinstimmenden Bewegungen und Posen muteten wie ein gemeinsamer Tanz an. Gar die Inszenierung der Fingernägel beider Protagonistinnen wurden in Kombination zu einem markanten Detail der Fotoserie. Gegensätzlich und doch entsprechend, wirkte die Intimität der einen und die Vermummung der anderen Porträtierten. Zugleich sind die Fotografien nicht nur farblich komplementär, auch in ihren Lichtverhältnissen spiegeln sie Tag und Nacht. Letztlich entstand eine duale Fotoserie, die das auditive Original so weit «übersetzte», dass sie einen eigenen fotografischen Klang kreierte.
«Dieses kleine Experiment war mein erster Versuch, kulturelle Fragen mit Musik und Fotografie in einen direkten Dialog zu bringen.»
— Alisa Verzhbitskaya

Vorstellungen und Erwartungen
Ich muss zugeben, dass meine Bilder im Kopf im Vorfeld gänzlich andere waren. Zu Beginn des Experiments, war ich mir unsicher, welches Lied am besten passen würde. Letztlich war es nicht nur der Song allein – sondern das Musikvideo, das mich dazu bewegte, diesen eigentlich sehr simplen Titel auszuwählen. Insbesondere wegen der witzigen Kommentare unter dem (Youtube-)Video. Wie zum Beispiel: «Sprache: Tatarisch. Bildmaterial: Usbekisch. Kommentare: Russisch.» oder «Als Tatar kann ich mit voller Überzeugung sagen, dass ich absolut nichts verstanden habe.» Ich fand die Diskussionen über das Musikstück nicht nur amüsant, sondern auch spannend. Das machte mich neugierig darauf, welches Ergebnis hier in Deutschland daraus entstehen würde.
So hatte ich – bereits beeinflusst von den audio-visuellen Eindrücken der Musikkünstlerin – mit vielen Farben oder Mustern gerechnet, vielleicht mit inszenierten Alltagsobjekten oder unterschiedlichen Stofflichkeiten. Eventuell hatte ich zu sehr bedacht, wie ich selbst als Fotografin dieses Lied inszenieren würde. Ich erwartete von diesem Experiment eigentlich etwas Neues – und war vielleicht dann doch selbst in Klischees gefangen. Es kam mir vor, als hätte ich das Spiel «Stille Post» gespielt – mein ursprünglicher Gedanke hatte sich durch die Weitergabe des Songs so stark transformiert, dass etwas vollkommen Neues entstand.
Der persönliche Austausch
Da das Experiment während der Pandemie stattfand, kam es erst danach zu einer persönlichen Begegnung und einem ersten (leider viel zu kurzen) Austausch mit Godwin Jesurajah und Natalia Ehret. Interessanterweise beschäftigen sich beide in ihren Arbeiten mit Fragen der kulturellen Identität. Natalia Ehret ist wie ich Teil der postsowjetischen Diaspora, weswegen wir uns bereits thematisch überschneiden. Aber auch Godwin Jesurajah wuchs «zwischen zwei Kulturen» auf, der tamilischen und der deutschen. Womöglich war es genau dieses gemeinsame Interesse an kulturellen Fragen, das die beiden zur Teilnahme an dem Experiment bewegte.
Für den Fotografen und die Fotografin war die Aufgabe ebenfalls eine wohltuende und spannende Erfahrung. Für Godwin Jesurajah war der Song in tatarischer Sprache mit seinen Beats etwas Neues: einige Elemente lösten bestimmte Assoziationen aus, ließen sich für ihn aber nicht eindeutig einordnen. Für Natalia Ehret war die Musik viel vertrauter – ich meine mich zu erinnern, dass auch ihr Freund Tatarisch sprechen kann. Für sie war außerdem sofort ein feministischer Unterton im Song hörbar. Im Nachhinein, als sie sich das Originalvideo ansah, war sie überrascht: Die visuelle Umsetzung fand sie weniger feministisch – eher sexistisch inszeniert. Eine Einschätzung, die ich persönlich nicht geteilt habe.

Ähnliche visuelle Motive
Besonders faszinierend war für mich, dass beide, ohne sich vorher abzusprechen, ähnliche visuelle Motive aufgriffen. Der kulturelle Aspekt des Songs, der für mich anfangs im Mittelpunkt stand, wurde in ihren Arbeiten zu etwas Neuem gedichtet: Es zeigten sich feministische und empowernde Elemente – sowohl in Natalia Ehrets Selbstinszenierung als auch in Godwin Jesurajahs Porträts. Der Song schien für beide gesellschaftlich relevante Themen zu transportieren – ganz ohne sprachliches Verständnis. Vielleicht war das meine wichtigste Erkenntnis: Dass ein Lied, dessen Inhalt nicht verstanden wird, allein über Klang, Stimme und Rhythmus gesellschaftliche Bedeutung vermitteln kann. Und obwohl Godwin Jesurajah und Natalia Ehret unterschiedliche Perspektiven und Erfahrungen mitbringen, haben sie sich überraschend deutlich angenähert.
Dieses kleine Experiment war mein erster Versuch, kulturelle Fragen mit Musik und Fotografie in einen direkten Dialog zu bringen. Für mich als Informationsdesignerin wäre es naheliegend, dieses Format irgendwann in einem größeren Rahmen zu wiederholen.
Für alle, die den Selbstversuch wagen möchten, hier das Original:
Name: TATARKA – AU
Weiterlesen
Mehr ReVue
passieren lassen?
Der ReVue Newsletter erscheint einmal im Monat. Immer dann, wenn ein neuer Artikel online geht. Hier en passant abonnieren.
Sie möchten unsere Arbeit
mit einer Spende unterstützen?
Hier en passant spenden!
Fotografie ist allgegenwärtig, wird aber in den journalistischen Medien noch wenig hinterfragt oder erklärt. Wer an Journalismus denkt, denkt an Texte. Das digitale Magazin ReVue verfolgt einen anderen Ansatz: Es nähert sich den Themen vom Bild her. In unseren Beiträgen untersuchen wir die Rolle und Funktion von Bildern im Verhältnis zum Text, zur Wahrheit, zum politischen oder historischen Kontext. Wie nehmen wir Bilder wahr? Welche Geschichte steckt dahinter?
Unsere Beiträge erscheinen auf Deutsch, wir übersetzen aber auch fremdsprachige Texte und erleichtern so den Wissenstransfer zu einer deutschsprachigen Leserschaft.
ReVue ist unabhängig. Die Redaktion arbeitet ehrenamtlich. ReVue ist ein Projekt der gemeinnützigen DEJAVU Gesellschaft für Fotografie und Wahrnehmung e.V. in Berlin.
Herausgeberin
DEJAVU
Gesellschaft für Fotografie und Wahrnehmung e.V.
Methfesselstrasse 21
10965 Berlin
ReVue ISSN2750–7238
ReVue wird unterstützt von
