Feldarbeit

Ein schönes Bild – über die Kunst, zu beschreiben, was man sieht

Text — Bildredaktionsklasse Jahrgang 2025/26 — 23.07.2026

Fotografien — Fotograf:innen der Ostkreuzschule für Fotografie

Aufmacher-B

Über Qualität lässt sich reden. Was zeichnet ein gutes Foto aus? Mit dieser Frage beginnt jede Bildauswahl.

Was macht eine gute Fotografie aus? 

Wann ist ein Bild überzeugend? Welche Geschichte erzählt es? Diese Fragen stehen am Anfang der Bildredaktionsklasse an der Ostkreuzschule für Fotografie in Berlin, wo die Studentinnen und Studenten lernen, Bilder zu analysieren und genau zu beschreiben – und zwar ohne, dass dabei das Wort «schön» vorkommt.  So lautete auch in der Bildredaktions-Klasse von 2025/ 2026 die Aufgabe: Wählt ein Bild, das ihr im vergangenen Jahr für euch «entdeckt» habt und begründet, warum es euch im Gedächtnis geblieben ist. Wir zeigen hier eine Auswahl der bemerkenswertesten Bilder und der originellen Antworten.

Unter Wasser

Das angeschnittene Gesicht eines jungen Mädchens unter Wasser. Sehr nah. Zusammengekniffene Augen, aufeinandergepresste Lippen, gekräuselte Augenbrauen durch die Anspannung der Stirn. Der Druck ist unmittelbar zu spüren. Viele kleine, leuchtend weiße Luftbläschen sind verteilt vor sonst tief schwarzem Hintergrund, ohne Horizont und mögliche Verortung in der dunklen Schwarzweißfotografie. Sie steigen nach oben, bewegen sich frei, kribbeln in meinem Kopf und setzen Erinnerungen frei.

Screenshot

Aus der Serie «Aqua Aquae» der Fotografin Neža Peterle

Ich tauche mit ab. Zu Erinnerungen an intensive Momente, in denen ich selbst die Luft angehalten habe. Unter Wasser, über Wasser. Vor Angst, vor Aufregung, im Spiel, im Freibad, im Sommer, im Winter. In Situationen der Überforderung, Hilflosigkeit, des Versteckens und Nichtauffallenwollens, vor Anspannung. Ich fühle mich dem Mädchen nah – vielleicht auch der früheren Version von mir selbst.

Das Mädchen im Bild von Neža Peterle aus der Serie «Aqua Aquae» schwebt als Nahaufnahme vor mir, ist aber für sich in ihrer eigenen Welt. Es braucht keine Hilfe, nur Zeit. Vielleicht taucht es gerade tiefer ab oder schwimmt schon wieder nach oben. Vielleicht strengt es sich an, auf der Stelle zu bleiben, versucht die Balance zwischen nicht tiefer sinken und noch nicht an die Oberfläche gelangen zu halten. Es ist ein angespannter Moment, der nicht weniger angestrengt wirkt, je länger man darauf schaut – ganz im Gegenteil.

Aus logischer Sicht weiß ich, dass der Moment zeitlich begrenzt ist – das Mädchen kann nicht ewig die Luft anhalten. Doch er fühlt sich ewig an. Ich muss dazu nicht die Luft anhalten, kann im Vergleich zu früher tief durchatmen, meditativ dem Gefühl von früher, als ich ein junges, luftanhaltendes Mädchen war, nachgehen. Situationen durchleben, neu betrachten.

Neža Peterle schreibt zu ihrem Foto das Zitat des Psychologen Carl Jung: «Man erlangt nicht Erleuchtung, indem man sich Lichtgestalten vorstellt, sondern indem man sich die Dunkelheit bewusst macht.» Für mich trägt das Foto genau diese Nachricht in sich: Jeder Anteil einer früheren Version von mir verdient es, angesehen zu werden. Ich darf mir immer wieder selbst an die Wasseroberfläche helfen, indem ich anerkenne, wer ich bin und woher ich komme. Und: Alles geht vorbei. Auf vorausgegangene Anspannung folgt Entspannung.

Text: Johanna Wittig

«Ich tauche mit ab. Zu Erinnerungen an intensive Momente, in denen ich selbst die Luft angehalten habe.» — Johanna Wittig

Hände

Hände brauchen wir. Sie sind Werkzeuge des Alltags und zugleich Instrumente des Lebens. Mit ihnen fassen wir an, formen, schaffen, halten fest – und lassen los. Doch ihre Bedeutung reicht weit über das Sichtbare hinaus. In ihrer Bewegung, in ihren Linien und in jedem leisen Zittern liegt eine Sprache, die tiefer spricht als Worte. 

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Aus der Serie «Leben am Weißensee» der Fotografin Lotte Weber

Jede Hand erzählt eine Geschichte. Die feinen Linien verraten, wo das Leben uns geprägt hat. Pigmente, Risse, die zarte Spannung der Haut – sie sind Notizen einer individuellen Biografie. Wer genau hinsieht, liest Gefühle: Müdigkeit, Stolz, Wärme, Entschlossenheit. Da liegen sie nun – ruhig, aber voller Präsenz. Goldringe schimmern auf der Haut, fangen das Licht ein wie kleine Symbole der Stärke. Sie erzählen von Selbstbewusstsein, von Stolz, vielleicht auch von einem stillen Glück, das sich zeigen will.

Die Nägel, präzise lackiert in kräftigem Pink, bilden einen Kontrast aus Zartheit und Eleganz. Sie symbolisieren: Ich bin hier, lebendig, bereit. Bereit, um am heutigen Tag etwas zu erleben. Freude zu teilen. Menschen kennenzulernen. Um das Handgelenk schmiegt sich eine goldene Uhr. Im leichten Schatten erkennt man es. Die Warnung. Zehn vor Zwölf. Ein winziger Moment der Dringlichkeit durchzieht das Bild – wie eine Erinnerung daran, dass die Zeit fließt, dass jeder Augenblick kostbar ist.

Doch die Wärme, die aus dem Zentrum dieser Hände strahlt, überstrahlt alles, was an Rastlosigkeit erinnert. Es bleibt das Gefühl, dass Stärke auch Sanftheit kennt, und dass beides im Gleichgewicht sein kann.

Hände brauchen wir. Zum Begreifen, Geben und Halten. Aber vielleicht, in Wahrheit, brauchen wir sie vor allem, um sichtbar zu machen, was in uns lebt. In den Händen der Menschen wird sichtbar, wer sie sind oder sein möchten.

Text: Julia Moras

«Goldringe schimmern auf der Haut, fangen das Licht ein wie kleine Symbole der Stärke. Sie erzählen von Selbstbewusstsein, von Stolz, vielleicht auch von einem stillen Glück, das sich zeigen will.» — Julia Moras

Spiel und Strömung

Die tosende Strömung zieht mich in ihren Bann. Simone Nathalie Fuchs erschafft mit einem Werk aus der Serie «Saat» eine Fotografie, die leise ist und zugleich voller Wucht. Als ich das Bild zum ersten Mal sehe, zweifle ich fast, ob es sich nicht doch um ein Gemälde handelt. Diese Unsicherheit ist kein Mangel, sondern Teil seiner Magie. Sie öffnet einen Raum, in dem Sehen und Fühlen ineinander übergehen. Ich sehe die Arbeit groß aufgezogen, an einer Museumswand, mit Raum zum Atmen und Verweilen. 

Simone Nathalie Fuchs_Karolina

Aus der Serie «Saat» der Fotografin Simone Nathalie Fuchs

Doch über dem Bild liegt auch eine thematische Schwere. «Schwarze Pädagogik» – ein System, das prägt, einschnürt, festhält. Kinder, gefangen in Strukturen, aus denen es kaum ein Entkommen gibt. Prägung, die sich nicht einfach abstreifen lässt. Gewalt, nicht immer sichtbar, aber übermächtig. Ein Kreislauf, der sich fortsetzt, schwer zu durchbrechen. Diese Dunkelheit ist spürbar. Sie liegt nicht nur im Motiv, sondern auch in den Übergängen, im Ungesagten.

Und dann sind da die Lichtmomente. Sie treffen die Bälle – diese befremdlichen Körper im Wasser – und lassen sie kurz aufleuchten. Wie Hoffnung vielleicht. Oder wie Erinnerung. Sie stehen im Zentrum und wirken doch verloren, klein gegenüber der Macht des Gewässers. Fragil. Ausgesetzt. Sie könnten für vieles stehen: für Schutz, für Spiel, für Kindheit. Oder für das, was bleibt, wenn alles andere fortgerissen wird.

Seit meiner Kindheit zieht mich fließendes Wasser an. Als Sehnsuchtsort, aber auch als Metapher für das Unkontrollierbare, das Unendliche. In dieser Fotografie begegnet mir diese Faszination wieder. Die Kaskade, die einem Fluss nahe Rom entspringt, ist mehr Akteur als Kulisse. Bewegung, Bedrohung, Versprechen zugleich. Die Strömung löst nichts auf – sie verstärkt.

Simone Nathalie Fuchs arbeitet hier nicht dokumentarisch im klassischen Sinn. In ihrer Fotografie denkt sie assoziativ, fühlt sich voran, stellt Bezüge her. Sie zwingt mich, stehenzubleiben, genauer hinzusehen, meine eigenen Wahrnehmungsmuster zu hinterfragen. Vielleicht ist es genau das «Nicht-Vergessen», das hier so wichtig ist: dass wir hinschauen. Dass wir verweilen. Dass wir das Leise nicht übersehen.

Text: Karolina Wittkopf

«Und dann sind da die Lichtmomente. Sie treffen die Bälle – diese befremdlichen Körper im Wasser – und lassen sie kurz aufleuchten. Wie Hoffnung vielleicht. Oder wie Erinnerung.» — Karolina Wittkopf

Aug um Aug

Ein Blick, der mir zu nah ist, um bequem zu sein, und zu ruhig, um harmlos zu wirken. Die Schramme unter dem Auge ist klein, fast nebensächlich, und zieht doch alles an sich. Sie ist kein Drama, sondern ein Hinweis. Vielleicht ein Sturz, vielleicht ein Spiel, vielleicht etwas, das niemand sonst gesehen hat. Sicher ist für mich nur: Etwas ist passiert oder wird gleich passieren.

Der Bildausschnitt ist eng, das Gesicht des Jungen füllt den gesamten Raum. Weder Ort noch Situation werden klar; das Bild verweigert mir jede schnelle Einordnung.

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Aus der Serie «Hagmoar» der Fotografin Anna Aicher

Das Licht liegt warm auf seiner Haut, fast so, als könnte ich es selbst spüren. Es ist so hell, dass es mich beinahe blendet. Nur eine Gesichtshälfte liegt im harten Schatten. Das Licht macht jedes Detail sichtbar: Poren, vereinzelte Muttermale, feine helle Härchen im Gesicht, jede Wimper, die hell aufleuchtende blaue Stelle im Auge.

Doch auch diese Genauigkeit hilft mir nicht, das Rätsel um die blutige Schramme zu lösen. Mein Fokus scheint sich immer wieder neu zu setzen und kehrt doch konsequent zurück. Nur das rechte Auge, das mit der Verletzung, liegt klar im Schärfebereich. Der Blick des Jungen wird so für mich zum inhaltlichen und kompositorischen Zentrum. Es wirkt, als blicke er direkt zu mir zurück: aufmerksam, neugierig, vielleicht abwartend. Ein Blick, der kurz vor einem verschmitzten Grinsen stehen bleibt, ohne es ganz zuzulassen.

Diese Ambivalenz spiegelt für mich Kindheit wider: Leichtigkeit und Ernst, Spiel und Verletzlichkeit liegen nah beieinander. Nostalgie mischt sich mit einer leisen Schwere. Die Schramme wirkt auf mich nicht bedrohlich, sondern selbstverständlich – als gehöre sie zu diesem Alter dazu. Sie erzählt von kleinen Raufereien, von Abenteuern und Neugier.

Erst mit dem Wissen um den Kontext lösen sich meine Fragen. Das Bild ist Teil der Arbeit «Hagmoar» von Anna Aicher, die Kinder und Jugendliche beim Ranggeln im alpinen Raum zeigt, einer der ältesten Kampfsportarten der Region. Der Titel «Hagmoar» zeichnet jeweils den Besten eines Turniers aus. Der Junge auf dem Bild nahm selbst nicht teil, sondern war Zuschauer und verletzte sich beim Spielen mit seinem Bruder. Während im Zentrum der Arbeit Kraft, Regeln und Tradition stehen, richtet sich der Blick hier für mich auf das Ungeplante. Das Bild hält einen flüchtigen Augenblick fest – und macht ihn durch Nähe, Licht und Fokus bedeutend. Es bleibt offen, still und aufmerksam, wie der Blick des Jungen selbst.

Text: Lisa Koch

«Ein Blick, der mir zu nah ist, um bequem zu sein, und zu ruhig, um harmlos zu wirken. Die Schramme unter dem Auge ist klein, fast nebensächlich, und zieht doch alles an sich. Sie ist kein Drama, sondern ein Hinweis.» – Lisa Koch

Der Bürgermeister

Er wird der Bürgermeister genannt. Nicht aus Überheblichkeit, sondern aus Notwendigkeit. Ohne Partei, ohne Mandat, ohne Versprechen. Parteilos im wörtlichen Sinn. Er gehört keiner an, er ist seine eigene. Eine Ein-Mann-Partei für einen Ort, der offiziell keiner ist.

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Aus der Serie «Temple Road» der Fotografin Josefine Rauch

Seine Gemeinde liegt am Rand eines Offenbacher Industriegebiets, geprägt von Lärm, Arbeit und Effizienz. Doch am Sonntag kippt diese Ordnung. Wenn die Betriebe ruhen, verwandeln sich die Hallen in Räume für Stimmen, Gesang und Gebet. Unterschiedliche Religionsgemeinschaften kommen zusammen, Wand an Wand, Tür an Tür. Zweckbauten werden zu Tempeln auf Zeit. Nicht aus Überfluss, sondern aus Mangel. Weil Raum und Geld fehlen in Offenbach.

Der Bürgermeister sitzt im ärmellosen Shirt auf einem – vielleicht improvisierten – Sitzmöbel, Glasbausteine im Hintergrund, ein Arm hängt lässig über dem Geländer. Sein Blick ist in Josefine Rauchs Kamera gerichtet. Ob es für ihn ein gutes Gefühl ist, zu wissen, dass er gebraucht wird?

Dass er gebraucht wird, ist klar. Deshalb hat die Gemeinde ihn zu ihrem Bürgermeister gemacht. Er ist ein Kümmerer. Er schließt auf, vermittelt, schlichtet, packt mit an. Es ist gut, dass er da ist. Dennoch drängt sich dem Betrachter etwas Tragisches auf. Vielleicht, weil das Gesicht eine Geschichte erzählt, die uns verschlossen bleibt und die doch ahnen lässt, dass das Leben, das es geprägt hat, nicht immer einfach gewesen ist.
 
Vielleicht auch, weil seine Macht endet, sobald der Montag beginnt. Dann verschwindet die Gemeinde wieder hinter Rolltoren und Stahltüren. Der Glaube zieht sich zurück. Und mit ihm sein Amt. Auf seinem Arm ein verblasstes Tattoo: «Duri spiro spero» – «So lange ich atme, hoffe ich.» Es ist kein Pathos, eher ein stilles Glaubensbekenntnis. Ein Satz, der geblieben ist, auch als vieles andere ging. Der Bürgermeister trägt ihn wie eine Erinnerung daran, warum er bleibt. Warum er dient. Warum Hoffnung selbst dort möglich ist, wo sie keinen festen Ort hat.
 
Mit Temple Road richtet Josefine Rauch ihren Blick auf genau diese fragile Verbindung von Raum, Glauben und Gemeinschaft. Ihre Arbeit ist geprägt von langfristiger Nähe, wiederkehrender Präsenz und dem Vertrauen in leise Prozesse. Über mehr als zwei Jahre kehrte sie an jedem Sonntag an denselben Ort zurück und beobachtete, wie sich ein Industriegebiet in einen spirituellen Zwischenraum verwandelt. Temple Road erzählt von Glauben ohne Architektur, von Ritualen ohne Monumente und von Menschen, die sich Räume aneignen, um Hoffnung, Zugehörigkeit und Sinn zu teilen.

Text: Oliver Wagner

«Es ist gut, dass er da ist. Dennoch drängt sich dem Betrachter etwas Tragisches auf. Vielleicht, weil das Gesicht eine Geschichte erzählt, die uns verschlossen bleibt und die doch ahnen lässt, dass das Leben, das es geprägt hat, nicht immer einfach gewesen ist.» – Oliver Wagner

Gummistiefel

In einem dunklen Raum, der doch helle Wände hat, schweben sie schwerelos. Einst weiße Gummistiefel, nun fleckig von Schlamm, der nur halbherzig abgewaschen wurde. Ein Lichtstrahl fällt durch ein unsichtbares Fenster auf die Stiefel, hinter dem sich ihre Welt erstreckt.

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Aus der Serie «I give them titty...» der Fotografin Telke Jungjohann

Wenn der große Mann den Raum betritt, umhüllen sie seine Füße und tragen ihn hinaus in den Stall. Sie drücken sich in Staub, Erde und Mist. Auf ihrer Höhe bewegen sich schwere Hufe langsam hin und her. Sie kommen und gehen, immer im gleichen Abstand, immer mit derselben Ruhe. Die Stiefel bewegen sich dazwischen, folgen diesem Rhythmus, weichen aus, halten an. Der Mann bleibt außerhalb ihres Blickfelds, aber seine Schritte ordnen den Raum. Der Stall reagiert darauf.

Staub hebt sich, Stroh verschiebt sich, der Boden verdichtet sich. Als die Arbeit endet, wechselt die Richtung der Bewegung. Die Stiefel tragen den Rest des Tages mit sich hinaus. Über den Hof, durch die Tür, zurück in den Raum mit den hellen Wänden. Dort wandern sie wieder vor die hellen Wände. Die Bewegung bricht ab.

Am nächsten Morgen wird sich der Ablauf wiederholen. Die Stiefel werden vom Haken genommen, der Mann wird hineinsteigen, der Weg zum Stall wird derselbe sein. Das Bild von Telke Jungjohann beschreibt die Pause zwischen dem täglichen Rhythmus. Einen Zustand des Wartens. Der Dreck trocknet. Der Raum übernimmt wieder die Kontrolle. Licht lässt die Stiefel erstrahlen, die Geräusche verschwinden.

Text: Anja Marie Scholze

«Das Bild beschreibt die Pause zwischen dem täglichen Rhythmus. Einen Zustand des Wartens.» – Anja Marie Scholze

Zapust

Ich habe lange gedacht, dass Tradition in meinem Leben keine große Rolle spielt. Kein Trachtenverein, keine Vereinskultur, eher Distanz als Identifikation. Und trotzdem ist meine Wahl auf dieses Bild gefallen.

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Aus der Serie «Sediment» der Fotografin Valentina Troendle

Die Fotografin begleitet die wendische Jugendfastnacht, im Spreewald auch «Zapust» genannt – ein Brauch, der seit Jahrhunderten gepflegt wird. Zwischen Heilig Drei König und Anfang März verabschieden sich die Menschen von Winter und Dunkelheit, begleitet von Musik und Ritualen, deren Formen überliefert blieben, deren Deutungen sich aber wandeln.

Im Zentrum eine junge Frau. Ihr Blick trifft mich unmittelbar – ruhig, selbstbewusst, fast auffordernd. Die aufwendig bestickte weiße Tracht, der feine Spitzenschmuck, das gedämpfte Licht: alles scheint in Balance. Neben ihr ein Mann im Anzug, eine Blüte am Revers. Ihre Körper nah, und doch gehen ihre Blicke aneinander vorbei und bleiben seltsam unbestimmt.

Im Hintergrund verschwimmt Bewegung, Menschen tanzen, die Geräusche scheinen stillzustehen. Der Nebel legt sich wie ein Filter über die Szene, weiche Konturen, gedämpfte Farben. Für einen Augenblick wirkt alles fast entrückt – bis man unten am Bildrand das Smartphone entdeckt.

Vielleicht berührt mich das Foto genau deshalb. Es erinnert mich an meine eigene Skepsis gegenüber «Traditionellen» und zeigt mir gleichzeitig, wie komplex diese Bilder sind. Es ist kein reines Heimatmotiv, sondern ein Moment, in dem sich Gegenwart und Vergangenheit überlagern. Ein verhandelbarer Raum. Es konfrontiert mich mit der Frage, was Tradition heute bedeutet.

Text: Carmen Teoh

«Es ist kein reines Heimatmotiv, sondern ein Moment, in dem sich Gegenwart und Vergangenheit überlagern. Ein verhandelbarer Raum.» – Carmen Teoh

Staatenlos

Basma ist 42 Jahre alt und eine Frau. Sie liegt im Bett und raucht. Genauer gesagt, ist sie eine Palästinenserin, die im Shatila-Flüchtlingslager im Süden Beiruts lebt. Sie wurde von Chiara Wettmann dort fotografiert – im Rahmen ihrer Fotoserie «Stateless», die das Leben staatenloser Menschen dokumentiert, die keinen Schutz durch Staat oder Gesetz erfahren.

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Aus der Serie «Stateless» der Fotografin Chiara Wettmann

Der Blick dieser Frau berührt mich. Er erinnert mich an jemanden. Er trifft mich leise, aber nachhaltig, als würde er etwas öffnen das tief gespeichert ist. Ihr Ausdruck ist voller Müdigkeit, eine Müdigkeit, die tief sitzt und nichts mehr beweisen will. Ihre Augen sind traurig und erzählen von Langeweile. Keine spielerische Untätigkeit, sondern eine zähe, schwere Langeweile, geboren aus Wiederholung. Aus Tagen, die sich ähneln. Aus einem Alltag, der kaum Überraschungen zulässt. Basmas Augen erzählen die Geschichte von tausenden Frauen auf dieser Welt. Geschichten von Verantwortung, vom Durchhalten, von einem Alltag, der selten fragt, ob man noch kann.

Ich frage mich, was diese Frau erlebt hat. Wen sie gepflegt, gehalten oder verloren hat. Ob sie Kinder hat, eine Familie, Menschen, für die sie immer stark sein musste. Ob sie je einen Moment kannte, in dem sie sich wirklich frei gefühlt hat – frei von Erwartungen, frei von Pflichten, frei von dem ständigen Müssen. Oder ob Freiheit für sie immer nur eine kurze Atempause war, eine Zigarette zwischen zwei Aufgaben.

Trotz der harten Lebensrealität dieser Frau, sehe ich in ihrem Ausdruck auch so viel Zärtlichkeit. Vielleicht liegt es an dem Lichtstrahl der ihr Gesicht trifft, oder der Art, wie sie ihre Zigarette hält. Diese Zärtlichkeit macht die Erschöpfung nicht kleiner, aber menschlicher. Vielleicht liegt in ihr auch ein leiser Widerstand: die Entscheidung, trotz der harten und frustrierenden Lebensrealität nicht aufzugeben. In ihrem sanften Ausdruck zeigt sich eine Würde, die keiner Registrierung bedarf und keine Papiere braucht, selbst dann, wenn ein Leben offiziell nicht anerkannt wird.

Text: Lucia Jost

«Basmas Augen erzählen die Geschichte von tausenden Frauen auf dieser Welt. Geschichten von Verantwortung, vom Durchhalten, von einem Alltag, der selten fragt, ob man noch kann.»  – Lucia Jost

Bildredaktionsklasse

Als einzige Ausbildungsstätte in Deutschland bietet die Ostkreuzschule ein Studium in der Bildredaktionklasse an. Die Klasse unter Leitung von Nadja Masri greift aktuelle Tendenzen und Debatten in der Fotografie auf, insbesondere im Fotojournalismus und in der Dokumentarfotografie. Fotogeschichte sowie Theorie unterrichtet Miriam Zlobinski. Darüber hinaus geben zahlreiche Gastdozent:innen Einblicke in ihre Arbeit und in Themenbereiche, die von den Grundlagen des Medienrechts bis zur Kuration reichen. In diversen Projektkooperationen, unter anderem mit den Studierenden des Studiums Fotografie an der Ostkreuzschule, dem ICP in New York oder dem Portraits – Hellerau Photography Award, arbeiten die Studierenden bereits während ihres Studiums praktisch.

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ReVue ISSN2750–7238

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