Alle Bilder in diesem Beitrag stammen aus dem soeben erschienenen Buch «Das wilde Feld. Front und Hinterland in der Ukraine» von Dominic Nahr (Bilder) und Ivo Mjinssen (Texte). Diese junge Frau in Charkiw erschrickt über eine laute Explosion ganz in ihrer Nähe (2025).
Dominic Nahr im Gespräch mit der Journalistin Gemma Pörzgen – 21.11.2025
GEMMA PÖRZGEN: Herr Nahr, Sie sind in Hongkong aufgewachsen und damit in einem sehr internationalen Umfeld. Wie hat das Ihren Werdegang als Fotojournalist und Kriegsfotograf beeinflusst?
DOMINIC NAHR: Meine Eltern lebten Anfang der 1970er Jahre in Hongkong. Dort gab es eine große Expat-Community, in der sich Abenteurer sehr leicht fanden. Wir hatten enge Verbindungen zum Club der Auslandskorrespondenten und zu aktiven oder früheren Kriegsfotografen aus dem Vietnamkrieg. Weil meine Eltern mit einigen von ihnen befreundet waren, habe ich sie näher kennengelernt. Das waren die ersten Fotografen, mit denen ich in Kontakt kam.
Außerdem hingen in dem Club an allen Wänden viele der wichtigsten Bilder, die unsere Vorstellung von Südostasien bis heute prägen – aus Vietnam Kambodscha oder China. Es war vor allem Kriegsfotografie. Dadurch wurde ich schon sehr früh mit dieser Bildsprache und diesen Themen konfrontiert. Mich faszinierte, wie es Fotografinnen und Fotografen gelang, solche Momente der Zeitgeschichte festzuhalten.
«Mich faszinierte, wie es Fotografinnen und Fotografen gelang, solche Momente der Zeitgeschichte festzuhalten.» – Dominic Nahr
Offenbar war es auch ein sehr politisiertes Umfeld, in dem Sie groß wurden?
Hongkong erlebte schon in meiner Kindheit große Veränderungen. 1997 erfolgte die Übergabe der früheren britischen Kolonie zurück an China. Es war eine Stadt, in der man die großen Wendungen spürte, die sich in Südostasien ereigneten.
Wie wurden Sie dann selbst Kriegsfotograf?
Ich arbeitete in Hongkong zunächst für die lokale, englischsprachige Zeitung «South China Morning Post». Es war aber schon damals mein Ziel, Kriegsfotograf zu werden: Ich wollte am Weltgeschehen teilnehmen. Bereits während meines Studiums schaute ich mir die Lebensläufe von Fotografen, die ein paar Jahre älter waren als ich, sehr genau an. Mich interessierte, wie sie es geschafft hatten.
Ein junger US-Fotograf wie Ben Lowy arbeitete beispielsweise aus dem Irak für das «Time-Magazine». Ich analysierte genau: Wie ist er dort hingekommen? Was waren seine Projekte davor? Mit wem hatte er Kontakt? Auf diese Weise kam ich schnell darauf, dass ich zunächst einmal nach New York musste, um mir dort Kontakte aufzubauen. Dorthin reiste ich 2004. Es war ein langer Weg. Danach ging ich nach Paris und London. Dadurch lernte ich schon vor meinem ersten Einsatz in Krisenregionen, wie man mit wichtigen Medien in Kontakt kommt und mit Leuten in Redaktionen spricht.
«Ich wollte am Weltgeschehen teilnehmen. Bereits während meines Studiums schaute ich mir die Lebensläufe von Fotografen, die ein paar Jahre älter waren als ich, sehr genau an. Mich interessierte, wie sie es geschafft hatten.» – Dominic Nahr
2022: Widerstand wie im Fieber
Heute sind Sie ein erfahrener Kriegsreporter. Was ist Ihr Antrieb?
Es ist vor allem der Wunsch, dort zu sein, wo Geschichte geschrieben wird. Schon mit 17 Jahren reichte es mir nicht, das Kriegsgeschehen im Fernsehen anzuschauen – ich wollte es mit den eigenen Augen sehen.
Überwiegt als junger Mensch die Abenteuerlust und man bedenkt vieles nicht, weil man noch wenige Vorstellungen vom Schrecken des Krieges und möglicher Traumatisierungen hat?
Natürlich hatte ich die Gefahren anfangs noch nicht so im Blick wie heute. Aber es ist eben auch wichtig, neugierig zu sein. Man braucht diese Risikobereitschaft und Faszination, sonst fängt man mit der Kriegsfotografie gar nicht erst an. Es gehören aber auch eine gute Vorbereitung und die Bereitschaft dazu, aus Fehlern zu lernen. In den ersten Jahren ging ich zu jedem Seminar über Kriegsfotografie, das mir unterkam. Ich las vermutlich jedes Buch, in dem irgendein Kriegsfotograf über seine Erlebnisse schrieb. Dadurch habe ich sehr viel gelernt. Fachbücher wie «Truth needs no Ally: Inside Photojournalism» des Leiters der Agentur «Black Star», Howard Chapnick, von 1994 nahm ich auf meine Reisen mit – und las sie mehrfach.
Was interessiert Sie am Krieg besonders?
Mich treibt das Gefühl an, nichts verpassen zu wollen. Wenn ich in der Schweiz bin, habe ich immer das Gefühl, gerade nicht meinen eigentlichen Job zu machen. Ich will Geschehnisse dokumentieren. In der Ukraine ist der Alltag oft besonders absurd: Da fährt ein Tesla vorbei und dahinter brennen die Häuser.
«In der Ukraine ist der Alltag oft besonders absurd: Da fährt ein Tesla vorbei und dahinter brennen die Häuser.» – Dominic Nahr
Viele der legendären Fotografinnen und Fotografen stammen aus der Zeit der großen Reportagefotografie, in der die Printmedien sie vielfach zu Auslandseinsätzen losschickten. Nun arbeiten Sie für die Neue Zürcher Zeitung (NZZ), die diese Tradition unverändert pflegt – anders als die meisten deutschen Zeitungen, denen dafür das Geld fehlt. Wie blicken Sie auf diese Veränderungen?
Das ist schwer zu sagen. Diesen Niedergang gibt es schon lange. Schon als ich vor rund 20 Jahren angefangen habe, war vom Ende des Fotojournalismus die Rede. Es hieß immer: «Das ist das letzte Jahr!» Ich glaube dagegen, man muss durchhalten, denn es gibt immer noch Mittel und Wege. Das hat mich über all die Jahre motiviert, trotzdem weiterzumachen. Gerade, weil ich ständig zu hören bekam: «Das wirst du nie schaffen und das ist jetzt das Ende», habe ich es ignoriert und mich weiter durchgekämpft. Da bin ich auch nicht der Einzige – auch Kolleginnen und Kollegen wie Johanna Maria Fritz, Ivor Prickett und andere tun das und machen unverändert weiter. Und es war nie leicht, man muss Förderungen finden, gute Aufträge bekommen. Dass ich seit Dezember 2021 bei der NZZ festangestellt bin, ist in meinem Alter sehr schön, davor war ich über Jahre Freiberufler.
Oben: Eine Gruppe von Soldaten bei der Gedenkfeier für ihre gefallenen Kameraden in der Jesuitenkirche von Lwiw. Unten links: Die Familie von Alina Albetschenko lebte monatelang in einem Bunker unter der Stadt Mikolajiw. Unten rechts: Bei Isjum erschossen die Russen Hunderte von Ukrainern. Von den Exhumierungen blieben nur die Absperrbänder (2022).
Mir fällt auf, dass viele Ihrer Kolleginnen und Kollegen sich jetzt Fotojournalisten nennen, um ihre Verantwortung für die Recherche und den Kontext ihrer Bilder stärker herauszustellen.
Das wird wichtiger, keine Frage. So verstehe ich mich und meine Arbeit auch. Ich habe immer nur dort gearbeitet, wo auch meine Identität eine Rolle spielte. Es muss auch persönlich passen, beispielsweise im Umgang mit den Redakteuren oder der Zusammenarbeit mit den Korrespondenten.
Wie wichtig ist für Sie als Fotograf der Umgang mit sozialen Medien?
Um mich zu informieren, nutze ich soziale Medien wie Telegram, X oder Instagram viel. Gerade bei der Arbeit in der Ukraine ist das sehr wichtig, um zu wissen, was dort gerade passiert. Ich poste aber selbst kaum Bilder. Viele Leute wissen gar nicht, was ich tue, weil ich nur für die NZZ publiziere.
Nach vielen Einsätzen in Asien, im Nahen Osten und in Afrika reisten Sie 2022 erstmals mit dem zuständigen NZZ-Korrespondenten Ivo Mijnssen in die Ukraine. Er ist Osteuropa-Historiker und kennt die Region gut, für Sie war es Neuland. Wie lief diese Zusammenarbeit?
Dass Ivo sich so gut auskannte, nahm mir als Fotograf eine große Last. Sein Wissen über die Geschichte und Politik in der Ukraine war natürlich sehr hilfreich. Ich konnte mich dadurch ganz auf das Menschliche und das Visuelle fokussieren.
2023: Warten auf den Befreiungsschlag
Wie organisiert die ukrainische Seite die Arbeitsbedingungen an der Front für ausländische Berichterstatter?
In vielen Fällen ist es als Fotojournalist sicherer, in einem zivilen Auto unterwegs zu sein, als in einem Militärfahrzeug mitzufahren. Bei der Berichterstattung rund um die Frontlinie ist in der Regel immer ein Pressesprecher des ukrainischen Militärs an unserer Seite. Wir sind als Fotografen dann aber weitgehend frei, aufzunehmen, was wir möchten – abgesehen vom militärischen Material und den Schutzmaßnahmen des Militärs. Es wird zudem immer eine Akkreditierung benötigt, bei der man auch eine Verpflichtung unterschreibt, sich an bestimmte Regeln zu halten. Dazu gehört beispielsweise, dass wir nicht live über einen Angriff berichten, damit das russische Militär daraus nicht etwa Vorteile ziehen kann. Abgesehen von solchen Vorschriften können wir uns als Journalisten und Fotografen in der Ukraine aber sehr frei im Land bewegen.
Sie waren in den vergangenen Jahren sehr häufig in der Ukraine, oft über lange Zeit. Wie hat sich die Arbeit als Fotograf in diesem Krieg seit 2022 verändert?
Was sich vor allem in den vergangenen Monaten sehr stark verändert hat, ist, dass Soldaten, Zivilisten, aber auch Journalisten und Fotografen auch jenseits der Frontlinie ständig der Gefahr ausgesetzt sind, von einer russischen Drohne getroffen zu werden. Früher konnte man bei einem Artilleriebeschuss immer noch fotografieren und wusste, dass man nicht direkt getroffen wird. Das ist jetzt mit den Drohnen ganz anders. Jeder kann zum Ziel werden. Wir müssen dazulernen, wie man damit umgeht und was das für unsere Arbeit bedeutet.
Schutzwesten und Helme reichen da nicht mehr aus. Dadurch ist die ganze Logistik noch viel komplizierter geworden. Auf der letzten Reise im Oktober mussten wir in einigen Gegenden zu Fuß gehen, weil das sicherer war, als mit dem Auto zu fahren. In dieser neuen Lage sind wir noch stärker auf die Begleitung der Pressesprecher des ukrainischen Militärs angewiesen, denn sie haben die Ausrüstung, um anfliegende Drohnen rechtzeitig zu erkennen. Es handelt sich dabei unter anderem um einen Monitor, der die Frequenzen einer Drohne verfolgt. Das heißt, man sieht auf dem Bildschirm genau das, was die Drohne sieht. Als Zivilisten haben wir diese technischen Hilfsmittel nicht und können deshalb oft nicht genau abschätzen, wie gefährlich eine Situation in Frontnähe gerade ist.
«Früher konnte man bei einem Artilleriebeschuss immer noch fotografieren und wusste, dass man nicht direkt getroffen wird. Das ist jetzt mit den Drohnen ganz anders. Jeder kann zum Ziel werden.» – Dominic Nahr
2024: Parallelwelten im Abnutzungskrieg
Wie lange dauern Ihre Einsätze?
In der Regel nicht länger als zwei Wochen. In der Ukraine arbeiten wir dann Tag und Nacht durch, sodass danach eine Erholungszeit wichtig ist.
Mittlerweile waren Sie schon sehr oft in der Ukraine. Vermutlich entwickelt sich dadurch auch eine Nähe zu dem Land. Zugleich ist das Ende des Krieges kaum absehbar. Macht das Ihre Arbeit als Kriegsfotograf umso belastender?
Ja, es ist sehr schwer, da mal loszulassen. Die Menschen in der Ukraine sind mir sehr nah. Am Ende ist es ein überschaubarer Kreis von Kolleginnen und Kollegen, die diese Entwicklungen der vergangenen Jahre in der Ukraine dokumentieren. Es gibt nicht mehr so viele Fotografinnen und Fotografen, die dort immer noch hinfahren. Viele Redaktionen sparen da inzwischen, anders als die NZZ. Angesichts anderer Krisenregionen, wie beispielsweise Gaza, müssen Medien auch ihre Prioritäten für die Berichterstattung setzen.
Was ist für Sie einer der Höhepunkte beim Fotografieren?
Das ist, wenn ich die Kamera bei der Arbeit vergesse. Es gibt Momente, in denen ich so in der Welt bin, dass ich nicht mehr darüber nachdenke, dass ich der Fotograf bin, der Bilder macht und die Blende von 4 auf 5.6 zieht. Da fühlt man sich dem Geschehen schon sehr nah.
Seit 2022 dokumentiert Dominic Nahr seine Arbeit in der Ukraine in einem Videotagebuch. Wir zeigen hier einige Ausschnitte daraus.
«Es gibt Momente, in denen ich so in der Welt bin, dass ich nicht mehr darüber nachdenke, dass ich der Fotograf bin, der Bilder macht. Da fühlt man sich dem Geschehen schon sehr nah.» – Dominic Nahr
Zusammen mit Ihrem Kollegen Ivo Mijnssen, der inzwischen stellvertretender Chefredakteur der NZZ ist, haben Sie kürzlich das Buch «Das wilde Feld. Front und Hinterland in der Ukraine» publiziert. Dort sind Ihre Fotos abgebildet und Ivo Mijnssen hat die Texte dazu verfasst. Was bedeutet Ihnen dieses Buch?
Für uns beide ist es ein gewisser Abschluss unserer gemeinsamen Arbeit in der Ukraine. Ivo hat als Korrespondent aufgehört und ist in die Redaktion gewechselt, auch unser ukrainischer Produzent Kostja hört auf. Deshalb war es jetzt ein guter Moment, das Buch herauszubringen. Da ich seit 2022 fast alle zwei bis drei Monate in der Ukraine war, habe ich sehr viele Bilder aus dem Land. Ivo hat auf Grundlage seiner Artikel den Text dazu geschrieben. Mit dem Buch wollten wir alles, was wir erlebt haben, festhalten, auch für diejenigen, die nicht die NZZ lesen.
Wie geht es weiter?
Ich werde weiter in der Ukraine fotografieren. Bei den letzten zwei Reisen war ich zum ersten Mal seit Jahren mit einem komplett neuen Team unterwegs. Sollte der Krieg einmal zu Ende gehen, wird das Land einen sehr langen Weg vor sich haben, den es weiter zu dokumentieren gilt.
2025: Die große Erschöpfung
Oben: Lastwagen mit aufmontierten Geschützen bilden das Rückgrat des Kampfes gegen russische Kamikazedrohnen. Die Männer gehören der 115. Mechanisierten Brigade in der Oblast Charkiw an, einer Einheit des ukrainischen Heeres. Unten: Ein Soldat der Chartija-Brigade ist nach seiner Rückkehr von der Front völlig erschöpft. Die Einheit war während der 20 Kilometer langen Fahrt durchgehend der Bedrohung durch FPV- und Bombendrohnen ausgesetzt.
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