Doppelbelichtungen
Text – Harry Walter — 18.09.2026
Im Zeitalter der analogen Fotografie konnte es immer wieder vorkommen, dass einzelne Aufnahmen oder auch ganze Filme doppelt belichtet wurden, sei es, weil der Filmtransport nicht richtig funktioniert hatte oder weil ein bereits belichteter Film versehentlich noch einmal eingelegt worden war. Dann überlagerten sich zwei getrennte Wirklichkeiten auf vollkommen zufällige Weise.
Wenn dabei der Kopf von Onkel Otto wie ein Fesselballon über dem Esstisch zu schweben kam, konnte das, falls nicht von vornherein als Geistererscheinung eingestuft, so doch als etwas Witziges betrachtet werden. In den allermeisten Fällen wurde das Resultat eines solchen technischen oder menschlichen Versagens jedoch nur als ärgerlich empfunden, weil ja die Motive, um die es eigentlich ging, nun ein für allemal mit etwas Fremdem kontaminiert waren.
Zwei zu einem Bild zusammengeschwappte Wirklichkeiten lassen sich schließlich nachträglich nicht wieder entmischen, so wenig wie sich etwas Zusammengerührtes wieder auseinanderrühren lässt, weshalb Kochen auch nicht jedermanns Sache ist.
Das hier abgebildete Foto entstammt einer Serie, bei der sich zwei ansonsten strikt voneinander geschiedene Sphären auf so seltsame Weise durchdrungen haben, dass man darüber ins Grübeln kommt. Der komplett doppelt belichtete Film zeigt, wenn man sich die Mühe macht, ihn auf seine Ausgangsquellen hin zu überprüfen, zum einen eine nicht näher spezifizierbare Feierlichkeit in einem öffentlichen Lokal, mit trinkenden, tanzenden und schäkernden Gästen; zum anderen Aufräum- und Reinigungsarbeiten in der zu diesem Lokal gehörenden ziemlich verschmutzten Küche.
Die adrett gekleideten, in Feierlaune befindlichen Gäste kommen so in unmittelbare Berührung mit den halb entkleideten, Boden, Töpfe und Pfannen schrubbenden Köchen. Ein mit einem Gummischlauch bewaffneter Koch spritzt mitten durch die Oberkörper eines tanzenden Paares; aus den nackten Schulterblättern eines Küchenangestellten treten die Zahnreihen zweier lachender Frauengesichter hervor; weiße Tischdecken verschmelzen unappetitlich mit fettigen Küchenschürzen; Bierflaschen und Garderobenhaken hängen frei in der Luft; ein riesiger Küchenherd fährt durch ein Herrensakko; einer auf einem Feldbett zusammengekrümmten Frau wird von einer anderen Frau tröstend um die Schultern gefasst, wobei aus dem Schwerpunkt der ineinander verschränkten Körper ein hornbebrilltes Gesicht aufsteigt, das nichts Gutes verheißt.
Doch Gäste und Küchenpersonal, Bierflaschen und Kochmützen durchdringen sich auch untereinander, so dass, wenn diese Welt so wirklich existieren würde, jeder mit jedem und alles mit allem jederzeit und überall in Verbindung treten könnte. Dann kann, wie zum Beispiel auf dem hier gezeigten Foto, eine ihrem Tischpartner amüsiert in die Augen schauende Frau ihre rechte Hand gleichzeitig in den eigenen Unterschenkel und in den nackten Oberschenkel eines gebückten und sie mehrfach durchdringenden Mannes krallen, der seinerseits mit hochgekrempelter Hose den Stiel seines Schrubbers in die behosten Oberschenkel des Brillenträgers stößt, so dass diesem im nächsten Moment eigentlich die Zigarette aus der Hand fallen müsste, wiewohl es auf den ersten Blick so aussehen mag, als gehöre die Greifhand zu dem mit einer grazilen Armbanduhr geschmückten Frauenarm.
In einer derart unübersichtlichen Welt nimmt es dann auch nicht wunder, wenn eine Sprudelflasche grundlos aus einem Sakko herauswächst, ein einzelner Arm von einem Gasherd herunterhängt oder eine fremde Hand einfach so unter einen Damenpulli schlüpft. Wenn die Ordnung der Körper erst einmal durcheinandergeraten ist, sind Schlüpfrigkeiten aller Art vorprogrammiert. Im schlimmsten Fall würden sich zwei einander wildfremde oder gar feindlich gesonnene Wesen so durchdringen, dass sie für immer als eines betrachtet würden.
«Wenn die Ordnung der Körper erst einmal durcheinandergeraten ist, sind Schlüpfrigkeiten aller Art vorprogrammiert.» – Harry Walter
Welche der beiden Ereignisketten, das Feiern oder das Putzen, zuerst stattfand, ist nicht mehr zu klären. Auf dem Umschlag der in Pergaminhüllen eingesteckten Negativstreifen steht mit Kugelschreiber geschrieben «‹Kellerschenke› 1958»; das war ein Lokal im Stuttgarter Gewerkschaftshaus, in dem mein Vater zu der Zeit Küchenchef und Geschäftsführer war und das von ihm mehrfach im Bild festgehalten wurde. Die doppelt belichteten Negative wurden von ihm offenbar als Ausschuss gewertet, da von ihnen keine Abzüge existieren; ich habe sie erst kürzlich mittels eines Scanners in Positive übertragen.
Um das Übergriffige dieser Bildüberlagerungen zu bemerken, hätte der fotografierende Küchenchef die Negative genauer in Augenschein nehmen oder zumindest den Verdacht hegen müssen, dass Doppelbelichtungen etwas Doppeldeutiges oder Doppelsinniges zum Ausdruck bringen können – ganz zu schweigen von der in der Kunst verbreiteten Praxis, sich a priori mit dem Zufall zu verbünden und diesen zum Geburtshelfer bislang verborgener Wahrheiten zu machen, wiewohl gerade das auch als billiger Weg zur Erschleichung von Tiefsinn betrachtet werden kann.
Tatsächlich wäre aber weder den Gästen dieser Feierlichkeit noch den in der Küche schuftenden Köchen diese Kontamination der einen Welt durch die andere vermittelbar gewesen. Schon der Fotohändler hätte Schwierigkeiten gehabt, die einzelnen Bildrechtecke des etwas aus dem Takt geratenen Negativstreifens passgenau in einzelne Fotoabzüge zu verwandeln. Dass der Film dennoch nicht einfach weggeworfen, sondern ebenso säuberlich wie alle an deren archiviert wurde, lässt darauf schließen, dass die Ehrfurcht vor der Unwiederbringlichkeit dieses Materials größer war als der Ärger über die technische Panne.
Vielleicht – mochte sich der Hobbyfotograf gedacht haben – konnte das eine oder andere Bilddetail ja doch noch irgendwann von Bedeutung sein. Allerdings wurde auf dem Papierumschlag das Wort «Kellerschenke» unüblicherweise in Anführungszeichen gesetzt, ein klarer Hinweis darauf, dass mein Vater diesen doppelt belichteten Film nicht einfach der äußeren Wirklichkeit zuordnen wollte, sondern einer Art uneigentlichen Version davon. Die Anführungszeichen ziehen das Wort Kellerschenke jedenfalls aus dem Sumpf des bloß Faktischen heraus und versetzen es in eine ironische Schwebe. «Kellerschenke» steht jetzt nicht mehr nur für die von außen mit Leuchtbuchstaben markierte Gaststätte, sondern auch für das, was beim Fotografieren so alles schiefgegangen ist und eine nachträgliche Distanzierung erfordert.
Doch vielleicht ist diese Doppelbelichtungsreihe gerade wegen der technischen Fehlleistung wirklichkeitshaltiger, als es jede der beiden Serien für sich alleine je hätte werden können. Die unbeabsichtigte Zusammenschau von Küchenschweiß und Partylaune, von Schuften und Schäkern scheint die Arbeitswelt eines beständig zwischen zwei komplett unterschiedlichen Klimazonen, zwischen den rauen Kommandotönen im Küchentrakt und den Alkohol geschwängerten Sprechblasen in der Gästezone, hin und her pendelnden Küchenchefs genauer zu treffen als das, was in einer Werbebroschüre für Kochberufe oder in einem Familienalbum davon übrig geblieben wäre. Die zufällige Überlagerung der beiden Sphären führt zu einer – nicht allein atmosphärischen – Verdichtung, die wir sonst nur vom Traum kennen, einschließlich der für Traumbilder charakteristischen Mehrdeutigkeit.
«Doch vielleicht ist diese Doppelbelichtungsreihe gerade wegen der technischen Fehlleistung wirklichkeitshaltiger, als es jede der beiden Serien für sich alleine je hätte werden können.» –Harry Walter
In seiner «Traumdeutung» von 1900 hatte Sigmund Freud den Traum als das Resultat einer «Verdichtungsarbeit» beschrieben, bei der eine Unzahl divergierender Bedeutungen auf relativ kleinem Raum zusammengeführt und komprimiert werden, so dass Dinge miteinander in Berührung kommen oder gar verschmelzen, die sonst strikt voneinander getrennt sind. So können sich im Traum verschiedene Personen zu einer einzigen verdichten, die Traumperson selbst kann sowohl Subjekt wie Objekt sein, eine Handlung gleichzeitig drinnen und draußen spielen.
Die Deutung eines Traums ist wie das Auseinander wickeln eines Knäuels. Um den manifesten Trauminhalt in den linearen Traumgedanken zu verwandeln, müssen die unmittelbaren Nachbarschaften, die im Knäuel entstanden sind, wieder aufgelöst werden. Nur wenn die Traumbilder entsubstantialisiert, das heißt von allen Widersinnigkeiten und Absurditäten gereinigt werden, lässt sich eine logisch konsistente Welt zurückgewinnen und der Verlust an Dichte als Erkenntnis feiern.
Doppel- oder Mehrfachbelichtungen sind insofern dem Traum analog, als sich in ihnen unter schiedliche Realitätsebenen so überlagern, dass etwas unvorhersehbar Neues daraus entsteht. Ob man das dann für eine originäre Botschaft, für bloßen Zufall oder für irgendetwas dazwischen hält, hängt davon ab, wie man auch sonst mit dem Spielraum zwischen Sinn und Unsinn umzugehen gelernt hat.
Ob beispielsweise das in eine Stuhllehne gesägte Herz in seinem konkreten Bildzusammenhang nur ein simples Zierloch in einem Holzmöbel bedeutet oder die Wahrheit des ganzen Bildes zum Ausdruck bringt, ist eine ganz und gar offene Angelegenheit. Es wird immer jemanden geben, der gerade dort eine Botschaft erkennt, wo andere nur ein Rauschen vernehmen.
Um derartige Bilder aber nicht gänzlich der Überinterpretation oder gar den auf Hinterwelten spezialisierten Geistersuchern und Verschwörungstheoretikern auszuliefern, sollte man sich nicht allzu sehr in ihren Details verlieren und statt dessen auch mal einen spekulativen Gebrauch von ihnen machen. Denn das Auffälligste an Doppelbelichtungen ist doch, dass bei ihnen das verdichtende Moment im Modus der Transparenz erscheint, dass also Dichte und Durchsichtigkeit sich keineswegs ausschließen, sondern bis zu einem gewissen Grad sogar wechselseitig hervortreiben.
«Doppel- oder Mehrfachbelichtungen sind insofern dem Traum analog, als sich in ihnen unter schiedliche Realitätsebenen so überlagern, dass etwas unvorhersehbar Neues daraus entsteht.» –Harry Walter
Während sich der Effekt des geisterhaften Verschwimmens von Personen und Dingen als solcher abgenutzt hat und niemanden mehr groß vom Hocker reißt, schon weil er sich mithilfe eines Bildbearbeitungsprogramms auf simple Weise reproduzieren lässt, kann heute umgekehrt aus der forcierten Betrachtung einer einzigen Doppelbelichtung die Ahnung aufsteigen, dass diesem Sich-Auflösen im Bild die Zukunft gehört.
Wenn nämlich die Welt immer dichter (vulgo: vernetzter) wird – im Sinne eines beständigen Anwachsens der Interdependenzen – und andererseits jeder von uns immer durchsichtiger, so könnte das bedeuten, dass die Wirklichkeit zunehmend wie ein aus beliebig vielen Layern zusammengesetztes Bild funktioniert, in dem nicht nur alles mit allem und jeder mit jedem irgendwie zusammenhängt, sondern in dem man sich tatsächlich gleichzeitig in einer stinknormalen Kneipe und weiß Gott wo sonst noch befinden kann. Die Frage wäre mal wieder nur, wer in dieser Suppe oben schwimmt und wer unten – und wen das dann überhaupt noch interessiert.
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Wir danken dem Publizisten, Kunsthistoriker und Herausgeber der Zeitschrift Merkur Christian Demand sowie der Familie des Künstlers und dem Schlaufen Verlag, dass wir diesen Text von Harry Walter aus dem Band «Bilder knistern», 2023 als Bildfäden No. 2 im Schlaufen Verlag erschienen, bei ReVue veröffentlichen dürfen.
Harry Walter (geboren 1953, verstorben 2024) war ein Künstler, Autor und Hochschullehrer aus Stuttgart. Er studierte Philosophie, Germanistik und Kunstgeschichte in Stuttgart und Tübingen. Zeit seines Lebens setzte er sich mit dem Medium Fotografie auseinander und galt als einer der Väter der «Künstlerischen Forschung». Aus seiner Sammlung fotografischer Fundstücke konnte er dabei immer wieder schöpfen. Als er wusste, dass seine Zeit gekommen war, sagte er zu Freunden: «Macht einfach weiter!»
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