Kolumne

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Cadavre Exquis —
eine Geschichte ohne Plan 

begonnen von Miriam Zlobinski

Ein Foto, gefunden auf einem Flohmarkt in Berlin, beginnt diese Geschichte.

Das kleine Bildchen scheint keinen Wert zu haben, bezahlen brauche ich nicht und der Verkäufer oder besser Verschenker wendet sich schnell anderen Kunden zu.

Die Rückseite verrät nichts, keine gekritzelte Jahreszahl, kein Name oder Adressenstempel. Absurd vergessen wirkt das kleine, zerknickte Bild, nicht größer als eine Visitenkarte. In der Theorie wird betont, Fotografie öffnet die Welt mit fremden Blicken genauso wie sich Ansichten verfestigen lassen. «Mein» Foto hatte seine Betrachter verloren. Nun liegt es vor mir auf dem Tisch und ich denke – wenn die Erzählung im Bild alles ist, so kann sie zu allem werden, auch zu einem Startpunkt. 

Das Foto dient als Auftakt für einen Dialog zwischen Foto- und Text-Autoren und Autorinnen. Auf eine Fotografie antwortet ein Text und vice versa. Der Text ist also wiederum der Ausgangspunkt für das nächste Bild. Die gegenseitigen Fragen lauten - Was erzählt mir ein Foto? Was sehe ich in einem Text?

Der Surrealist André Breton beschrieb es als Spiel, in dem es darum geht, einen Satz oder Zeichnung durch mehrere Personen konstruieren zu lassen. Das surrealistische «Cadavre Exquis» kennt kaum Regeln, der Zufall leitet die Entstehung von Texten und Bildern an, ergibt einen eigenen Raum. Es geht um gemachte und erzeugte Bilder, mal sich beschreibend orientierend oder in die Szene förmlich hineinspringend. Fiktional, eigen, vollkommen frei – nur nicht länger als eine im Affekt geschriebene Seite oder eben eine Fotografie.

Texte — Autoren und Autorinnen

Foto — Fotografen und Fotografinnen

A — Der Flohmarktfund von Miriam Zlobinski

«Die Rückseite verrät nichts, keine gekritzelte Jahreszahl, kein Name. Absurd vergessen wirkt das kleine, zerknickte Bild, nicht größer als eine Visitenkarte.»

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B — Die Schriftstellerin Zora del Buono antwortet

Es ist der Blick. Und die Frage: Was hält der Mann in der Hand? Es ist der Schliff der Spiegel (urvertraut, so einer steht in meinem Schlafzimmer; er gehörte Anni, meiner Lieblingstante, Fräulein Zehnder, wie sie genannt werden wollte, denn das war ihr Stolz: nie abhängig gewesen zu sein von einem Mann), es sind die Rätsel der Dekoration: Welche Pillen sind in der Dose drin, war Valium in den Fünfzigerjahren schon en vogue (1963 hatte man es meiner Mutter gegeben, gegen den seelischen Schmerz; sie hat es bald abgesetzt, kluge Frau)? Bedeutet die Porzellanfigur mehr als das, was sie darstellt: Reiter und Pferd?

Nicht zuletzt die Frage: Wer sind die Menschen auf der Fotografie? Ich stelle mir vor: Es sind die Eltern des Fremden, er selbst das Kind zwischen ihnen, wahrscheinlich vor einem Geschäft, ihrem Geschäft, ich imaginiere mir einen Kurzwarenladen in der Provinz. Er hingegen hat es in die Großstadt geschafft, führt vielleicht ein künstlerisches Leben – stehen da Bilderrahmen an der Wand? Wer auch immer ihn fotografiert hat, hatte gestalterische Ambitionen: all diese Spiegelungen. 

Dieses Bild rührt mich; es erinnert mich an meinen Vater, es gibt ähnliche Bilder von ihm. Mein Vater, den ich nicht kannte, der starb, als ich kein Jahr alt war. Ich sehe in dem Fremden einen Mann, der es womöglich geschafft hat, alt zu werden. Ich kann mir sein Leben fantasieren, während das Leben meines Vaters jäh endete, aus dem Haus, ein Unfall, tot. Nur 33 gelebte Jahre.

Der Mann hier, mit seinem Hang zum Kitsch (die Reiterfigur), seiner Freude am Lebendigen (die Pflanze), mit einem Geheimnis (die Pillen) blickt nach draußen, hat eine Zukunft vor sich. Oder auch nicht, wer weiß das schon.  

(Was eigentlich ist aus dem jungen Rowdy geworden, der meinen Vater totgefahren hat?)

C — Die Fotografin Heike Ollertz antwortet

 

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Flüssige Emulsion auf 13x18 cm Glasplatte, im Durchlicht über einen Spiegel fotografiert

Autoren und Autorinnen
Die Autoren wählen ihre Antwortenden aus. Eine stille Post aus Dialogen zwischen Text und Bild führt zu dieser unplanbaren Geschichte.  Auf eine Fotografie reagiert ein Text und vice versa. Die gegenseitigen Fragen lauten - Was erzählt mir ein Foto? Was sehe ich in einem Text?

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