Wird im Netz oder in den Medien das Thema Cyberkriminalität dargestellt, greifen Redaktionen oft zu den immergleichen, stereotypen Motiven – darunter dem Bild eines Mannes mit Kapuze am Computer. Doch das hat mehr Einfluss auf unsere Wahrnehmung als uns oft bewusst ist. (Bild: Pixaby)
Text: Esther Kersley – 20.02.2026
Mitte der 2010er-Jahre arbeitete ich in einer Denkfabrik, die sich mit neuen Formen der Kriegsführung befasste, etwa dem Einsatz von Drohnen und Cyberangriffen. Bei der Online-Bildersuche für Berichte und Artikel zum Thema Cyberkriminalität stieß ich jedoch auf ein Problem: Ich erhielt unzählige Bilder, die alle gleich aussahen. Reihen von Einsen und Nullen in Grün und Blau, ein Vorhängeschloss, eine Nahaufnahme einer Tastatur oder ein Mann mit Kapuze vor einem Computer.
Im Jahr 2022 untersuchte das Projekt «Kernenergie und neue Technologien» des European Leadership Network (ELN) die Auswirkungen neuer Technologien auf nukleare Entscheidungsprozesse – und dasselbe Problem bestand weiterhin. Obwohl die Bedeutung neuer Technologien für Konflikte und internationale Sicherheit im vergangenen Jahrzehnt stetig zugenommen hatte, waren die Bilder, mit denen sie dargestellt wurden, unverändert geblieben. Das erschwert es uns jedoch, diese Themen zu verstehen und uns vorzustellen, welche Auswirkungen sie auf unsere Zukunft haben könnten.
«Obwohl die Bedeutung neuer Technologien für Konflikte und internationale Sicherheit im vergangenen Jahrzehnt stetig zugenommen hatte, waren die Bilder, mit denen sie dargestellt wurden, unverändert geblieben.» – Esther Kersley
Der Cyberspace als Schlachtfeld
Eine neue Technologie, die einen erheblichen Einfluss auf die internationalen Beziehungen hat und in den Medien zunehmend Beachtung findet, ist der Cyberspace. Vom «Nashi»-Anschlag auf die estnische Regierung 2007 über den «Stuxnet»-Angriff auf das iranische Atomprogramm 2010 bis hin zu Edward Snowdens Datendiebstahl bei der NSA im Jahr 2013 und Russlands Angriff auf die US-Präsidentschaftswahlen 2016 wird der Cyberspace als «globales Schlachtfeld des 21. Jahrhunderts» bezeichnet.
Trotz ihrer wachsenden Bedeutung sind Cyberthemen (wie andere Technologien auch) aber komplex und schwer fassbar und werden von Entscheidungsträgern und der breiten Öffentlichkeit – und damit auch von Fotografinnen und Fotografen sowie Bildredaktionen – nach wie vor nur unzureichend verstanden. Infolgedessen wurde der Visualisierung von Cyberthemen bisher wenig Aufmerksamkeit geschenkt, außerdem steht Bildgestaltern bei der Erstellung von Bildern zu diesem Thema kaum Forschungsmaterial zur Verfügung. Auch Journalisten, Aktivistinnen, Wissenschaftler und politische Entscheidungsträgerinnen haben nur wenige Anhaltspunkte, auf die sie sich bei der täglichen Bildauswahl stützen können.
Basierend auf Interviews mit Cybersicherheitsexperten aus Europa, Russland und den USA untersucht dieser Beitrag daher, warum Bilder für die Politik relevant sind, welche Botschaften aktuelle Cybersicherheitsbilder vermitteln, welche Auswirkungen sie haben, und wie wir beginnen können, Cyberthemen effektiver zu kommunizieren.
Ein Mann mit Kapuze und ohne erkennbares Gesicht, im Hintergrund Nullen und Einsen. Mit Bildern dieser Art wird die Gefahr von Cyberkriminalität gern illustriert. Bei einer Umfrage unter Cybersicherheitsexperten, gab es für derartige Bebilderungen unterschiedliche Urteile. Sie reichten von «Dieses Bild sollte verboten werden. Es ist ein Klischee» über «Es ist wie ein Meme zur Cybersicherheit, das wenig mit der Realität zu tun hat» bis hin zu «Ich mag dieses Bild, denn Cyberkriege werden nicht nur von Staaten geführt, sondern auch von einzelnen Hackern von zu Hause aus». (Bilder: Pixaby; Christoph Scholz/Flickr)
Die Macht und Politik der Bilder
W. J. T. Mitchell prägte in seinem 1994 erschienenen Buch «Picture Theory» den Begriff «pictorial turn», um die Beschaffenheit unserer heutigen Welt zu beschreiben. Er argumentierte, dass die gestiegene Aufmerksamkeit für Bilder in allen Lebensbereichen, bedingt durch Medientechnologien, dazu geführt hat, dass die Macht des Visuellen größer ist als je zuvor, da wir wichtige Ereignisse zunehmend durch Bilder wahrnehmen und uns so daran erinnern.
Obwohl Mitchell sich auf das Fernsehen bezog, verstärkte sich diese Entwicklung mit dem Aufstieg des Internets, das nicht nur die Geschwindigkeit der Bildverbreitung und ihre Reichweite verändert hat, sondern Bilder auch demokratisiert und die traditionellen Informationswächter beseitigt hat. Infolgedessen sind Nachrichtenbilder zentral für das Verständnis und die Konstruktion der Realitäten geworden, in denen wir leben.
Bilder und neue Formen der Kriegsführung
Anfang der 2000er-Jahre wurden Bilder ausdrücklich in die Agenda der Sicherheitsforschung aufgenommen – das ist der Tatsache geschuldet, dass visuelle Darstellungen entscheidend dafür sind, wie Sicherheitsprobleme wahrgenommen und diskutiert werden. Laut der Professorin für internationale Beziehungen Lene Hansen war dieser «visual turn» zum Teil eine Folge der internen Dynamik akademischer Debatten (dem umfassenderen «visual turn» in den Geisteswissenschaften) und technologischer Entwicklungen (Smartphones, Handykameras und soziale Medien, die die Geschwindigkeit, Reichweite und Produktion von Bildern beeinflussten.)
Der «visual turn» war aber auch eine Folge wichtiger weltpolitischer Ereignisse, die mit Bildern verbunden waren oder von ihnen geprägt wurden: Im Jahr 2001 spielte die überwiegend visuelle Berichterstattung der Weltmedien über den 11. September eine maßgeblich Rolle dabei, den Anschlägen eine bestimmte Form und Bedeutung zu verleihen. 2004 hatte die Veröffentlichung zahlreicher Fotos von Folter und Misshandlung durch US-Militärangehörige im Abu-Ghraib-Gefängnis im Irak einen eigenständigen Einfluss auf den Skandal, der weltweite Aufmerksamkeit erregte (geschriebene Berichte über die Geschehnisse im Gefängnis, die vor der Veröffentlichung der Fotos erschienen waren, hatten kaum Diskussionen ausgelöst). Und bei den Anschlägen auf Charlie Hebdo im Jahr 2015 waren es die Bilder (die dänischen Mohammed-Karikaturen, die die Angreifer zerstören und bestrafen wollten), die das Ereignis auslösten. Ohne die Bilder – ihre Produktion, Verbreitung und das, was sie «aussagen» – hätte es dieses Ereignis nicht gegeben.
Zu dieser Zeit geschah jedoch noch etwas anderes im Bereich der Sicherheitsforschung. Etwas, das nichts mit Bildern zu tun hatte und nicht sichtbar war, sondern weitgehend unsichtbar blieb: 2013 veröffentlichte Professor Paul Rogers einen Artikel in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift RUSI, in dem er feststellte: «Der vorherrschende Trend in der internationalen Sicherheit des letzten Jahrzehnts war die Hinwendung zur ‹Fernsteuerung›.» Damit beschreibt er den Wandel vom Einsatz großer Streitkräfte hin zur indirekten oder distanzierten Kriegsführung.
Dazu gehören neue Technologien wie bewaffnete Drohnen und Cyberaktivitäten sowie neue Methoden der Kriegsführung, beispielsweise der verstärkte Einsatz von Spezialeinheiten und privaten Militärunternehmen. Knapp zehn Jahre nach Rogers Veröffentlichung spielen andere aufkommende und disruptive Technologien wie KI, maschinelles Lernen, Deepfakes und Quantentechnologie eine immer größere Rolle in Konflikten. Diese sind weniger sichtbar und weniger greifbar als beispielsweise Soldaten und konventionelle Waffen.
Das (Un)Sichtbarkeits-Problem
Wenn Politik und Gesellschaft sowohl von dem geprägt werden, was sichtbar gemacht wird, als auch von dem, was unsichtbar bleibt – was geschieht dann mit Menschen, Themen und Phänomenen, die wir nicht sehen oder von denen es keine Bilder gibt? Und was geschieht mit politischen Phänomenen, die schwer zu visualisieren sind?
Dies ist eine Herausforderung für heutige Bildgestalter, die versuchen, über aktuelle Bedrohungen wie die Klimakrise und neue Technologien zu berichten. Im Hinblick auf die Dokumentation neuer Formen der Kriegsführung gab es zwar Versuche einiger Fotografinnen und Fotografen, sich diesem Thema zu widmen (beispielsweise Simon Norfolk, Lisa Barnard und Trevor Paglan), doch diese Beispiele sind nach wie vor selten und bewegen sich eher im Bereich der künstlerischen Fotografie als im Mainstream-Fotojournalismus und der Nachrichtenfotografie.
«Wenn Politik und Gesellschaft sowohl von dem geprägt werden, was sichtbar gemacht wird, als auch von dem, was unsichtbar bleibt – was geschieht dann mit Menschen, Themen und Phänomenen, die wir nicht sehen oder von denen es keine Bilder gibt?» – Esther Kersley
Analyse von Cyberbildern
Um die Bilder, die zur Vermittlung von Geschichten über Cyberthemen verwendet werden, besser zu verstehen, begann ich 2021, Bilder aus Nachrichtenartikeln und Berichten zu sammeln. Dazu nutzte ich Google News und die Bildersuche nach «Cyberbedrohungen», «Cybersicherheit» und «Cyberkrieg» in britischen und US-amerikanischen Publikationen. Anschließend interviewte ich 15 Cybersicherheitsexperten aus Europa, Russland und den USA und bat sie, diese Bilder zu analysieren.
In allen Interviews gaben die Teilnehmenden an, dass es an «guten» Bildern zur Darstellung des Cyberspace mangele. Dieses Problem sei ihnen in ihrer Arbeit immer wieder begegnet, etwa bei der Suche nach Bildern für Konferenzbroschüren, Präsentationen, Buchcover oder Artikel. Sie waren sich zudem einig, dass es sich um ein komplexes Problem handle, da der Cyberspace «immateriell», «diffus» und «unsichtbar» sei, und erkannten an, dass es sich um ein weites Feld handele, das viele verschiedene Aktivitäten und Bedrohungen umfasse.
Obwohl Einigkeit über das Problem herrschte, gab es keinen Konsens darüber, was in diesem Zusammenhang ein «gutes» oder «schlechtes» Bild ausmacht. Verschiedene Experten hatten sehr unterschiedliche Perspektiven auf die ihnen präsentierten Bilder, und einige Bilder riefen starke Reaktionen hervor, sowohl positive als auch negative. Aus den Analysen und Gesprächen, die sich aus diesen Fragestellungen ergaben, identifizierte ich drei Arten von Bildern bzw. drei verschiedene Ansätze zur Darstellung des Themas und nannte sie: «klischeehaft», «realistisch» und «metaphorisch».
Klischeehafte Bilder
Klischeehafte Bilder, wie etwa ein Mann mit Kapuze vor einem Computerbildschirm, ein Vorhängeschloss oder ein menschenähnlicher Roboter, sind vor allem in Nachrichten und Fachpublikationen weit verbreitet. Das Hauptproblem dieser Bilder besteht darin, dass sie Fehlinterpretationen, Stereotypen und Ungenauigkeiten verstärken.
Zu dem Hackerbild (Bilder oben) sagte ein Teilnehmer: «Es ist wie ein Meme der Cybersicherheit, das mit der Realität kaum etwas zu tun hat.» Er fuhr fort: «Es gibt zwar Menschen, die Cyberangriffe von ihren Laptops aus durchführen, aber Cybersicherheit besteht zu einem großen Teil aus dem Festlegen eines Passworts, der Einrichtung einer Zwei-Faktor-Authentifizierung und der Mensch-Maschine-Schnittstelle.»
Das Bild wurde auch deshalb als problematisch angesehen, weil es Geschlechterstereotypen verstärkt, die die Cybersicherheit als Männerdomäne betrachten. Gleichzeitig wurde es aber auch für seine hohe Wiedererkennbarkeit gelobt: «Es funktioniert», sagte ein anderer Teilnehmer. «Selbst wenn man nicht in der Cybersicherheitsbranche tätig ist, ist das Bild allgegenwärtig.»
Realistische Bilder
Die zweite Art von identifizierten Bildern ist die «realistische» Darstellung, beispielsweise von Rechenzentren, Militärangehörigen in einem Operationsraum (Bilder unten) oder einer Computertastatur. Diese Bilder wurden als «realistisch» und «zutreffend» gelobt: «Sie zeigen, dass Cyberkriegsführung sich gegen physische Objekte richtet und nicht nur in einer Fantasiewelt stattfindet», sagte Dmitry Stefanovich, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Internationale Sicherheit des IMEMO RAS, über das Bild des Rechenzentrums.
Oben: Das Bild eines Rechenzentrums. Einer der Befragten Sicherheitsexperten sagte dazu: «Wenn man Daten hat, hat man auch Cyper-Schwachstellen. Dies zeigt das Ziel von Cyber-Interventionen. Es zeigt, dass Cyberkrieg gegen physische Objekte gerichtet ist und nicht nur etwas, das in einer Fantasiewelt stattfindet.» (Bild: Baltic Servers)
Unten: Militärangehörige in einem Operationsraum. Die Bewertungen der Experten reichten von: «Es sieht sehr realistisch aus» über «Man versteht sofort, worum es geht, aber es wird ziemlich oft verwendet. Das ist nichts Neues» bis hin zu «Das Militär ist nur ein sehr kleiner Teil des Cyberspace». (Bild: J.M. Eddins Jr. /Air Force)
Auch das Bild von Militärangehörigen wurde für seine Realismus anerkannt: «Es wirkt nicht künstlich, nicht wie aus einem Film oder Videospiel», sagte Elena Chernenko, Sonderkorrespondentin der Zeitung Kommersant mit Schwerpunkt Cybersicherheit. Zudem wurde es dafür gelobt, dass es «die Interaktion des Menschen mit der Technologie» zeigt, so Andrew Futter, Professor für Internationale Politik an der Universität Leicester.
Andere kritisierten die Bilder jedoch dafür, dass sie sich zu sehr auf das Militär konzentrierten, obwohl die meisten Cyberangriffe von «Kriminellen, Jugendlichen oder Hackern» verübt würden, und eine Reihe von Interviewpartnern fragten sich, woher diese Bilder stammten und welchen Einfluss die Dominanz von Fotos des US-Militärs auf unser Verständnis von Cyberthemen habe.
Metaphorische Bilder
Die letzte identifizierte Bildkategorie sind «metaphorische» Bilder. Dabei handelt es sich oft um Illustrationen oder bearbeitete Bilder, etwa um eine Abbildung traditioneller Waffen aus Binärcode (Bild unten) oder eine Stadtansicht mit einer explodierenden, pixeligen Bombe. Diese Bilder finden sich am häufigsten in Zeitschriften wie «The Economist» oder in Zeitungen wie der «New York Times». Sie polarisierten die Teilnehmenden am stärksten.
Eine Illustration von Waffen, die aus Binärcode bestehen. Dieses Bild wurde in der Umfrage unter Sicherheitsexperten am kontroversesten beurteilt. Die Kommentare reichten von: «Ich finde es clever. Eine Mischung aus Mittelalter und Moderne. So etwas habe ich noch nie gesehen» bis zu «Das ist eine falsche Darstellung dessen, was Cyberangriffe sind». (Bild: Sally Thurer for The New York Times)
Einerseits bekamen sie Anerkennung für ihre erzählerische Kraft und wurden als «clever», «kreativ» und «interessant» beschrieben: «Andere Bilder berühren mich nicht und sagen mir nichts. Dieses Bild hat eine Geschichte, ein Narrativ», so Jason Healey, Senior Research Scholar an der Columbia University und Senior Fellow der Cyber Statecraft Initiative beim Atlantic Council.
Andererseits wurde kritisiert, dass diese Bilder zu vereinfachende Vergleiche oder Metaphern liefern und das Thema so möglicherweise trivialisieren. Ein anderer Teilnehmer bezeichnete ein solches Bild als «eine falsche Darstellung von Cyberangriffen», und es bestand die Sorge, dass diese Bilder zu einer Art Mythologisierung der Technologie beitragen könnten. «Das ist nicht hilfreich, es hat nichts mit der Realität zu tun, und man wird eine ähnliche Einstellung zu dem entwickeln, was man liest. Es trägt dazu bei, dass die Leute es nicht ernst nehmen», sagte Dmitry Stefanovich.
Komplexität, der menschliche Faktor und Kontext
Alle Teilnehmenden hatten den starken Wunsch, Komplexität und Spezifität zu vermitteln. Die meisten Befragten arbeiteten in leicht unterschiedlichen Bereichen der Cybersicherheit, weshalb ihnen je nach Fachgebiet verschiedene Bilder mehr oder weniger verständlich waren. Wie Andrew Futter in seinem Artikel zur Cybersemantik argumentiert, hat sich der Begriff «Cyber» im letzten Jahrzehnt zudem so weit verbreitet, dass er alle möglichen Aktivitäten, Bedrohungen, Waffen und sogar Kriegsführung umfasst, dass das Wort selbst bedeutungslos geworden ist.
Dasselbe Problem besteht bei Bildern: Viele Bilder versuchen, umfassend und allgemein zu sein, und werden dadurch so diffus, dass auch sie bedeutungslos werden. Umgekehrt wurden Bilder, die nur einen Aspekt des Cyberspace darstellen, dafür kritisiert, dass sie unser Verständnis von Cyberbedrohungen oder Cybersicherheit verzerren.
Ein weiterer Konsenspunkt in den Interviews war der Wunsch, die Beziehung des Menschen zu dieser Technologie und damit auch ihre Auswirkungen aufzuzeigen. «Auf den meisten dieser Bilder fehlen die Menschen», sagte Elizabeth Minor, Beraterin bei der NGO Article 36. «Diese Bilder handeln von Technologien, aber wir müssen über die Menschen in Beziehung zu diesen Technologien sprechen.»
Schließlich äußerten sich einige der Interviewpartner zu den Quellen der Bilder, die ich ihnen zeigte. Aufgrund eigener Erfahrungen mit der Bildrecherche erkannten sie, dass es sich bei einigen Bildern um US-Militärfotos handelte, und merkten an, dass deren Verwendung aufgrund ihrer leichten Online-Verfügbarkeit unter einer Creative-Commons-Lizenz verlockend sei. Dr. Katarzyna Kubiak, ehemalige Senior Policy Fellow am ELN und Referentin für Strukturierten Dialog bei der OSZE, sprach von der «amerikanischen Kolonisierung der Bilder». In diesem Zusammenhang wurde diskutiert, wie eine Institution, die sich mit diesen Themen befasst, möglicherweise ein Bild auswählt, das ihre eigenen Aktivitäten bestärkt oder legitimiert. Anders ausgedrückt: Es bestand der Wunsch, das Verhältnis zwischen dem Bild, dem dargestellten Thema und seinem weiteren Kontext zu analysieren.
«Diese Bilder handeln von Technologien, aber wir müssen über die Menschen in Beziehung zu diesen Technologien sprechen.» – Elizabeth Minor
Rückkopplung: Diskurs und Politik
In ihrer 2019 veröffentlichten Studie zur Darstellung von Cybersicherheitsbedrohungen untersuchen die Kommunikationswissenschaftler Sean Lawson und Michael K. Middleton, wie Sprache unsere Sicht auf die Welt und unsere Reaktion auf sie beeinflusst. Sie analysieren darin, wie sich der US-amerikanische Diskurs zur Cybersicherheit in den letzten 25 Jahren vor allem auf Metaphern und Analogien zu Krieg und Militär konzentriert hat.
Ein Beispiel hierfür ist die Metapher von «Cyber Pearl Harbor», mit der das Risiko eines Cyberangriffs auf kritische Infrastrukturen beschrieben wird, der zu massiver Zerstörung und erheblichen Störungen führen kann.
«In den letzten 25 Jahren konzentrierte sich der US-amerikanische Diskurs über Cybersicherheit darauf, Cybersicherheit mithilfe von Metaphern und Analogien zu Krieg und Militär zu beschreiben.» – Esther Kersley
Lawson und Middleton argumentieren, dass dies reale Auswirkungen hatte: Die Metapher des Cyber-Pearl-Harbor wird nicht nur von Beamten in öffentlichen Reden verwendet und von den Medien aufgegriffen, sondern fließt auch in den internen Diskurs und die Strategieentwicklung im Bereich Cybersicherheit ein und prägt das offizielle Denken und Planen.
Laut Lawson und Middleton können Darstellungen von Cyber-Katastrophenszenarien zu «Fatalismus und Handlungsunfähigkeit» führen, was wiederum die Bemühungen um angemessene politische Reaktionen auf reale Sicherheitsbedrohungen beeinträchtigen kann. Sie stellten außerdem fest, dass dies von tatsächlichen Bedrohungen – sowohl im Cyberspace als auch darüber hinaus – ablenken kann.
Nach der russischen Einmischung in die US-Präsidentschaftswahlen 2016 argumentierten beispielsweise viele Beobachter, dass die Fokussierung auf den Cyber-Angriff «Pearl Harbor» die Fähigkeit der politischen Entscheidungsträger beeinträchtigt habe, das gesamte Spektrum der Bedrohungen zu erfassen und angemessen auf Cyberangriffe zu reagieren. Der russische Angriff war eine Informationskriegskampagne mittels Manipulation sozialer Medien und kein «Pearl-Harbor-Angriff» auf kritische Infrastruktur mit großflächiger Zerstörung oder Todesopfern.
Entschlüsselung von Cyberbildern
Wie die Sprache selbst, so bedienen sich auch Cyberbilder bestimmter Stereotype. Und wie die Sprache beeinflussen Bilder unsere Wahrnehmung von Cybersicherheitsbedrohungen und unsere Reaktion darauf. Etwas zu visualisieren – insbesondere etwas, das sich typischerweise schwer vorstellen lässt – ist weder neutral noch automatisch positiv; es kann weitreichende Konsequenzen haben, die sorgfältig abgewogen werden müssen.
Gleich zu Beginn meiner Interviews fragte ich die Teilnehmer, welches Bild ihnen beim Wort «Cyber» in den Sinn käme. Es handelte sich um Cybersicherheitsexperten, doch alle beschrieben eine Variante des bekannten Klischees: Reihen von Einsen und Nullen, ein Mann mit Kapuze vor einem Computer, ein Vorhängeschloss. Kurz gesagt, es spiegelte die Bilder wider, die sie ständig vor Augen haben.
Dies belegt die Macht der Bilder und ihre subtile Wirkung in unserem Leben. Wenig überraschend zeigt sich dies auch in KI-generierten Bildern, die mit dem Stichwort «Cyber» generiert werden – wir erhalten dieselben Bilder, die wir gewohnt sind.
Um die Visualisierung von Cyber und anderen neuen Technologien zu verändern, sollte die Forschung zu Cyber-Bildern ausgeweitet und diversifiziert werden. Sie sollte nicht nur Politikexperten, sondern auch Bildgestalter, Kommunikationsspezialistinnen, Branchenexperten und die breite Öffentlichkeit einbeziehen. Damit das geschehen kann, müssen Bilder als ebenso wichtig wie Sprache für unser Verständnis und unsere Reaktion auf neue Technologien anerkannt werden.
Dieser Text erschien erstmals auf der Plattform des European Leadership Network. Die Autorin möchte Lewis Bush und Dr. Katarzyna Kubiak für ihren Rat und ihre Unterstützung danken, sowie den Interviewpartnern, die sich viel Zeit genommen haben.
Die oben geäußerten Meinungen geben die Ansichten der Autorin wieder und spiegeln nicht notwendigerweise die Position des European Leadership Network (ELN) oder all seiner Mitglieder wider. Ziel des ELN ist es, Debatten anzuregen, die dazu beitragen, Europas Fähigkeit zur Bewältigung der drängenden außen-, verteidigungs- und sicherheitspolitischen Herausforderungen unserer Zeit zu stärken.
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