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Feldarbeit

Wo wir Wurzeln schlagen

Ein Platz im Bunten. Ein Bild aus der Serie «The Garden» der Fotografin Siân Davey

Grüne Bühnen 

Gärten gab es bereits in den ersten Hochkulturen. Aber wozu dienten sie? Was wollten Menschen mit ihnen darstellen? Und welche Rollen nehmen sie heute ein – oder vielmehr: wir in ihnen? Mit diesen Fragen hat sich die Kuratorin Grażyna Siedlecka beschäftigt, während fünf Fotografinnen und Fotografen jene Freilufträume auf unterschiedliche Weise interpretierten. Also nichts wie raus mit uns, an die frische Luft dieser Fotografien! 

Text — Grażyna Siedlecka — 19.06.2026

Fotos — Klaus Pichler, Michał Kwapień, Yushi Li, Siân Davey und Jan Brykczyński

Gärten, halbprivate und halböffentliche Freiflächen, existieren seit Jahrtausenden in unterschiedlichen Kulturen – von Persien über Ägypten bis zu den legendären Hängenden Gärten von Babylon. Sie dienten praktischen Zwecken wie dem Anbau von Nahrungsmitteln, wurden aber – wie John Dixon Hunt in «A World of Gardens» von 2012 ausführt – auch als «heilige Landschaften, Landschaften des Spiels und der Unterhaltung, wissenschaftliche Gärten, Gärten für das städtische Leben, Gärten für private Abgeschiedenheit und Meditation, prosaische und praktische Orte, poetische und symbolische Orte, Schöpfungen, die die lokale Identität feiern oder die nationale Identität begründen» genutzt.

Auch Michel Foucault thematisiert diese Spannung und die Komplexität des Gartens in seinem Essay «Andere Räume» von 1967. Darin beschreibt er Orte, die außerhalb der gewohnten Ordnung existieren und nennt sie Heterotopien – Orte, an denen unterschiedliche, mitunter widersprüchliche Realitäten innerhalb eines einzigen umschlossenen Raumes existieren.

Gärten vermitteln zwischen Natur und Kunst, Einsamkeit und Gemeinschaft, Besitz und Zugang. Oft als friedlich oder unschuldig wahrgenommen, zeigen sie historisch gesehen auch Machtstrukturen und Ausbeutung – von imperialen botanischen Sammlungen bis hin zu exotischen Pflanzen aus kolonisierten Gebieten. Gärten können zugleich soziale Rollen und Hierarchien offenbaren – wer kultiviert, wer besitzt und wer gesehen wird. Als Orte der Fürsorge, Arbeit und Routine spiegeln sie zudem oft die stillen Strukturen häuslicher und geschlechtsspezifischer Arbeit wider.

«Gärten vermitteln zwischen Natur und Kunst, Einsamkeit und Gemeinschaft, Besitz und Zugang.» – Grażyna Siedlecka

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Gärten sind schön, machen aber auch Arbeit. Ein Motiv aus der Serie «Middle Class Utopia» des Fotografen Klaus Pichler. (Foto: Klaus Pichler /Agentur Anzenberger)

Wo bürgerliche Ideale, Ästhetik und Ängste inszeniert werden

Fotografinnen und Fotografen nutzen Gärten oft als Kulissen für ihre Erzählungen und erkunden bewusst oder unbewusst die Verschmelzung von persönlichen und performativen Aspekten. Das ist kaum verwunderlich, angesichts der langen Tradition von Gärten als buchstäbliche und symbolische Bühnen – von den «Heckentheatern» des 17. Jahrhunderts bis hin zu den Freiluftspielplätzen der Reichen und Privilegierten im 18. und 19. Jahrhundert.

Heute wird diese Doppelrolle – verborgen und doch für die Betrachter zugänglich – von Künstlern wie Klaus Pichler, Yushi Li, Michał Kwapień, Siân Davey und Jan Brykczyński aktiv erforscht.

Der österreichische Künstler Klaus Pichler etwa dokumentiert in seiner Serie «Middle Class Utopia» die Bewohner einiger der 26.000 Kleingärten Wiens. In scheinbar künstlichen Fotografien fängt Pichler die alltäglichen Rituale und performativen Gewohnheiten ein, die von den visuellen und verhaltensbezogenen Codes dieser Orte geprägt sind.

Das Ergebnis wirkt unheimlich: Die Gärten gleichen sorgfältig inszenierten Bühnenbildern, in denen jeder Bewohner zugleich Akteur und Zuschauer ist. Diese Spannung erinnert an Jeremy Benthams Idee einer Gesellschaft, die auf gegenseitiger Sichtbarkeit und internalisierter Überwachung basiert: Wie verhalten sich Menschen, wenn sie wissen – oder vermuten – dass sie beobachtet werden?

Bei Klaus Pichler fungiert der Garten nicht nur als Ort der Erholung, sondern auch als Bühne, auf der bürgerliche Ideale, Ästhetik und Ängste stillschweigend inszeniert werden, und er fängt diese verstrickten Widersprüche meisterhaft ein. 

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Wege ins Grün. Aus der Serie «Middle Class Utopia». Foto: Klaus Pichler /Agentur Anzenberger

«Die Gärten gleichen sorgfältig inszenierten Bühnenbildern, in denen jeder Bewohner zugleich Akteur und Zuschauer ist.» – Grażyna Siedlecka

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Idyllen mit eigener Ästhetik. Aus der Serie «Middle Class Utopia». Fotos: Klaus Pichler /Agentur Anzenberger

Kulissen für ein stilles Chaos

Ein weiterer Künstler, Michał Kwapień, nutzt die unheimliche hyperrealistische Ästhetik utopischer, bürgerlicher Freizeitgestaltung, um drängende Probleme der heutigen Gesellschaft anzusprechen. Seine sorgfältig inszenierte Serie «What We Do in the Shadows» spielt vorwiegend in Gärten und untersucht die weit verbreitete Diskrepanz zwischen der wahrgenommenen Macht des Einzelnen und dem überwältigenden Ausmaß globaler Krisen.

Die halbkultivierte Natur wird zur Bühne, auf der sich Gesten der Verleugnung und des Rückzugs in scheinbar harmlosen Hausarbeiten und Hobbys manifestieren. Die Schönheit des üppigen Grüns bildet die Kulisse für ein stilles Chaos – ein Geflecht aus Schuld und Verantwortung, unterdrückt unter der Stille puppenhafter Figuren.

Die Dualität des Gartens als Zufluchtsort und Spektakel spiegelt die Spannungen der heutigen Gesellschaft wider: den Wunsch nach persönlichem Komfort und zugleich die Präsentation einer sorgfältig kuratierten Version des Selbst, während man versucht, sich dem Aufruhr der Welt zu entziehen. Wieder einmal wird der Garten zu einer heterotopischen Bühne, auf der über die Widersprüche des modernen Lebens reflektiert wird. 

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Alles im Griff. Oder vielleicht doch nicht? Aus der Serie «What we do in the shadows» des Fotografen Michał Kwapień.

«Die Dualität des Gartens als Zufluchtsort und Spektakel spiegelt die Spannungen der heutigen Gesellschaft wider: den Wunsch nach persönlichem Komfort und gleichzeitig die Präsentation einer sorgfältig kuratierten Version des Selbst, während man versucht, sich dem Aufruhr der Welt zu entziehen.» – Grażyna Siedlecka

Die Möglichkeit, eigene Welten zu erschaffen

Während Klaus Pichlers «Middle Class Utopia» und Michał Kwapieńs «What We Do in the Shadows» eher das Unterbewusstsein erfassen, geht Yushi Li mit ihrer Arbeit «Your Reservation Is Confirmed (Garden)» den umgekehrten Weg: Sie ergreift die Initiative und nutzt den urbanen Garten als Bühne, um die Regeln neu zu schreiben. Wie Ruth Ammann in «The Enchantment of Gardens» von 2008 schreibt: «Innerhalb dieser Grenzen können Menschen ihre eigene Welt erschaffen und ihre eigene Ordnung etablieren.»

Li greift dieses weltbildende Potenzial des Gartens auf und nutzt einen scheinbar persönlichen Rahmen, um ein kraftvolles, symbolisches Bild zu inszenieren, das nie für die Privatsphäre bestimmt war.

Dieses fotografische Manifest thematisiert offen den männlichen Blick und evoziert gleichzeitig weitergehende Themen: die Rückeroberung der Macht durch asiatische Frauen, die in den Fantasien westlicher weißer Männer historisch objektiviert und exotisiert wurden, die verflochtenen Geschichten von Gartenbau, Kolonialismus und Macht, in denen exotische Pflanzen und «exotische Menschen», erworben durch Ausbeutung und Vertreibung, aristokratische europäische Gärten schmückten, sowie die lange Tradition von Gärten als Orte unterbewerteter, feminisierter Arbeit.

Während Klaus Pichlers Werk aufzeigt, wie soziale Normen verinnerlicht und stillschweigend befolgt werden, bricht Yushhi Li sie auf und verwandelt den Garten in einen heterotopischen Raum der Umkehrung, Enthüllung und Kontrolle.

Yushi Li – Your Reservation Is Confirmed (Garden)

Wer gießt? Wer ruht? Ist das nicht am Ende Verhandlungssache? Aus der Serie «Your Reservation Is Confirmed (Garden)» der Künstlerin Yushi Li.

Ort des kollektiven Geschichtenerzählens

Auch für Siân Davey wird der Garten zur Bühne – in ihrem Fall jedoch zu einem geschützten Raum, in dem jeder sein wahres Selbst offenbaren und teilen kann. Ihr Projekt «The Garden» lässt sich als stilles, aber radikales Manifest lesen: Ähnlich wie Yushi Lis Werk stellt es vorherrschende Narrative und diejenigen infrage, die sie traditionell aufrechterhalten haben. Doch Konfrontation steht bei Davey nicht im Vordergrund. Stattdessen richtet sie ihren Fokus auf weit gefasste humanistische Werte und eine zutiefst kollaborative Methodik.

Das Projekt begann mit einem Vorschlag von Daveys Sohn, den lange vernachlässigten Garten wiederzubeleben und ihn als Atelier für alle zu öffnen. Hier verschmolz das Private und Intime mit dem Öffentlichen und Performativen, als der Garten zu einem Ort des kollektiven Geschichtenerzählens und der Sichtbarkeit wurde.

Dieser besondere Raum gab «Müttern und Töchtern, Großeltern, Einsamen, Ausgegrenzten, Teenagern, frisch Verliebten, Liebeskummernden und jenen, die ein Leben lang Scham verborgen hatten», eine Stimme . Der Garten, durchdrungen von Ritualen, der Präsenz der Ahnen und der Ehrfurcht vor der Natur, erinnerte an seine symbolische Rolle als spiritueller Raum in vielen Traditionen, und seine fürsorgliche Pflege stand im Einklang mit Heilung und Transformation.

Lovers – The Garden

Natur und Nähe. Das Motiv «Lovers» aus der Serie «The Garden» der Fotografin Siân Davey.

Alice – The Garden
Leaving The Garden – The Garden

Im Frühling und im Herbst des Lebens: links das Motiv «Alice», rechts das Motiv «Leaving the Garden» aus der Serie «The Garden». Fotos: Siân Davey

«Hier verschmolz das Private und Intime mit dem Öffentlichen und Performativen, als der Garten zu einem Ort des kollektiven Geschichtenerzählens und der Sichtbarkeit wurde.» – Grażyna Siedlecka

Friends – The Garden

Gemeinsam im Grünen. Das Motiv «Friends» aus der Serie «The Garden». Foto: Siân Davey

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Jede und jeder findet seinen Platz. Zwei Motive aus der Serie «The Garden». Fotos Siân Davey

Akte der Rückgewinnung

Jan Brykczyńskis Serie «The Gardener» teilt den humanistischen Geist von Daveys Werk, nähert sich dem Garten jedoch aus einem anderen Blickwinkel. Er betrachtet den Anbau als universelle menschliche Praxis, die Kulturen, geografische Gegebenheiten und sozioökonomische Gräben überbrückt. Sein Werk kann als Manifest verstanden werden, das für ökologische Resilienz, gemeinschaftliches Handeln und die Rückeroberung des urbanen Raums plädiert.

Brykczyński bereiste vier Kontinente und dokumentierte provisorische Stadtgärten in einkommensschwachen Vierteln von New York, Nairobi, Warschau und Jerewan. Ihn interessierten Gartenstrukturen, die in vernachlässigten oder marginalisierten Räumen entstanden und oft im Guerilla-Stil aus Recyclingmaterialien errichtet wurden.

Diese improvisierten Gärten bieten nicht nur frische Lebensmittel, sondern auch eine stille Form des alltäglichen Widerstands und der Autonomie. Der Anbau wird so zu einem Weg, sich wieder mit den natürlichen Rhythmen zu verbinden und ermöglicht es Gemeinschaften und Einzelpersonen, sich als Teil einer lebendigen, interdependenten Welt zu erfahren.

Urbanes Gärtnern spiegelt eine basisdemokratische Ethik der Präsenz, Verantwortung und Hoffnung wider und stellt globale Strukturen der Macht, Herrschaft und Ausbeutung durch kleine, beharrliche Akte der Rückgewinnung infrage.

The Gardener

Rückeroberung eines urbanen Raumes. Ein Motiv aus Jerewan aus der Serie «The Gardener» des Fotografen Jan Brykczyński.

The Gardener
The Gardener

Natur mit Spuren der Zivilisation. Links ein Motiv aus Jerewan, rechts eines aus New York, beide aus der Serie «The Gardener». Fotos: Jan Brykczyński

«Urbanes Gärtnern spiegelt eine basisdemokratische Ethik der Präsenz, Verantwortung und Hoffnung wider und stellt globale Strukturen der Macht, Herrschaft und Ausbeutung durch kleine, beharrliche Akte der Rückgewinnung infrage.» – Grażyna Siedlecka

The Gardener

Charmanter Wildwuchs. Ein Motiv aus Nairobi aus der Serie «The Gardener». Foto: Jan Brykczyński

Orte der Auseinandersetzung

«Alles ist Politik», schrieb Thomas Mann 1924 in seinem «Zauberberg». John Berger könnte aus seiner Essaysammlung «Das Verständnis eines Fotos» von 1968 hinzufügen: «Jedes Foto ist in Wirklichkeit ein Mittel, um ein Gesamtbild der Wirklichkeit zu prüfen, zu bestätigen und zu konstruieren. Daher die entscheidende Rolle der Fotografie im ideologischen Kampf.» 

Die hier gezeigten fünf Projekte erinnern uns daran, dass Gärten trotz ihres unschuldigen Anscheins keine neutralen Orte sind. Ob als Bühne für bürgerliche Inszenierungen, feministischen Widerstand oder ökologische Resilienz – sie bieten einen wirkungsvollen Rahmen für die Auseinandersetzung mit Identität, Macht und Zugehörigkeit. Der Garten bleibt in all seinen Widersprüchen ein Ort, an dem neue Geschichten Wurzeln schlagen und Hoffnung wachsen kann.

In den Händen dieser Fotografinnen und Fotografen wird der Garten mehr als nur eine Kulisse. Er wird zu einem heterotopischen Ort, an dem Intimes und Universelles aufeinandertreffen. Jedes Bild fordert uns auf, die Räume, die wir bewohnen, und die Rollen, die wir darin spielen, neu zu überdenken und lädt uns ein, alternative Formen des Zusammenseins zu imaginieren.

 

Wir danken dem «Contemporary Lynx Magazin», in dem dieser Text im Jahr 2025 in polnischer und englischer Sprache erschienen ist.

 

 

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