Salon ReVue

 #Flucht #Sexualitaet #Islam #Demenz #Fake #Fakt #Bildmanipulation #politisch fotografieren #kollektive Blicklücken

Politisch fotografieren, geht das? Ein Lachen, ein Naserümpfen im Parlament – wussten wir es nicht längst, wie flapsig, sympathisch oder müde «diese» Politiker und Politikerinnen sind?

Im Gegensatz zu den meisten Wählerinnen und Wählern lernen Fotografinnen und Fotografen «die da oben» persönlich kennen. Nähe und Distanz spielen in jenem Bereich, zu dem «normale» Bürgerinnen und Bürger keinen Zutritt haben, eine besondere Rolle. Welche Bilder lassen Politiker und Politkerinnen heute noch zu? Welche Arbeitsauffassungen haben Fotojournalisten?

Zugleich ist die Fotografie selbst im Fokus. Kann das Medium heute noch für Modernität und Authentizität stehen? Wie ist die Rolle der Fotografie politisch zu verstehen?

Miriam Zlobinski von ReVue diskutierte darüber mit dem Ostkreuz-Fotografen Maurice Weiss und mit dem Präsidenten des Deutschen Designtags Boris Kochan.

Maurice Weiss, ist Fotograf und Mitglied der renommierten Agentur Ostkreuz. Seit den 1990er-Jahren ist er auf Parteikongressen und Wahlkampfveranstaltungen unterwegs mit dem Ziel, die Regeln der Inszenierung in der Politik zu durchbrechen.

Boris Kochan, ist weltweit als Gestaltender unterwegs und bringt Menschen und Ideen auf den Weg, nicht nur aber auch als Präsident des Deutschen Designtags. 

Wie beeinflussen kulturelle Hintergründe unsere Wahrnehmung von Geschichten? Wie lenkt Fotografie?

Unsere individuellen, kulturellen Vorannahmen bilden Perspektiven, durch die wir Informationen unterschiedlich betrachten und verstehen, was zu einer Vielzahl von Interpretationen führt. Wo befinden sich Lücken im kollektiven Sehen? Wie lassen sich visuelle Stereotype aufbrechen?

In unserem Gespräch mit der Philosophin Mara Recklies, der Fotografin Shirin Abedi und dem Fotografen Julius Matuschik geht es um neue Bilder, neue Ideen, diverse Ansätze – kurz: ein anderes Erzählen.

Mara Recklies verbindet mit ihrer Forschung Philosophie und Designtheorie. Die Fotografin Shirin Abedi wanderte mit sieben Jahren von Teheran nach Deutschland aus und arbeitet gemeinsam mit dem Fotografen Julius Matuschik zu diversitätssensibler Bildberichterstattung. 

Der Salon wird moderiert von Miriam Zlobinski von ReVue.

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Foto von Shirin Abedi aus der Arbeit «May I have this dance» über Tänzerinnen im Iran

Was geht im Kopf einer an Alzheimer erkrankten Person vor? Kann sie sich anhand von Fotos an ihr früheres Leben erinnern? Weiß sie, wer sie einmal war? Und was bedeutet es, wenn ein Mensch sich auf Fotos nicht mehr erkennt? Ist sein Selbst dann verloren oder gibt es etwas anderes, das ihn innerlich zusammenhält? Darum ging es in unserem Salon zum Thema Fotografie und Demenz.

Anlass waren die berührende Geschichte und das Werk von Daniel Comte.  Der Schweizer Creative Director war im Alter von 51 Jahren an Alzheimer erkrankt. Erst wenige Monate vor seiner Diagnose hatte er seine Leidenschaft für «Street Photography» entdeckt. Aus den eigenen Straßen-Bildern ein Buch zu machen, wurde fortan zu seinem Herzenswunsch – und zu einem Mittel gegen die Ohnmacht. Gemeinsam mit seinem Sohn Anatol Comte und seiner langjährigen beruflichen Weggefährtin Heike Rindfleisch entstand der Bildband «Stolen Moments».

Zora del Buono von ReVue sprach mit Heike Rindfleisch, der Co-Autorin von «Stolen Moments» und dem Mediziner Prof. Dr. med. Torsten Kratz darüber, welchen anderen Blick auf die Krankheit die Bilder von Daniel Comte zulassen und was trotz einer Demenz-Diagnose noch möglich ist.

Prof. Dr. Torsten Kratz ist Mediziner. Er leitet die Gerontopsychiatrie am Evangelischen Krankenhaus Königin Elisabeth Herzberge  in Berlin und beschäftigt sich wissenschaftlich mit Demenzerkrankungen, insbesondere mit Verhaltensauffälligkeiten und Verwirrtheitszuständen sowie deren rechtlichen und ethischen Herausforderungen. Er publiziert dazu in nationalen und internationalen Fachzeitschriften.

Heike Rindfleisch ist Co-Autorin und Co-Kuratorin von «Stolen Moments». Sie arbeitete in verschiedenen Agenturen mit dem Creative Director Daniel Comte zusammen. Daraus entwickelte sich eine innige Freundschaft, die Heike Rindfleisch dazu veranlasste, gemeinsam mit dessen Sohn Anatole Comte dafür zu sorgen, dass Daniels Comtes Herzenswunsch, ein Buch mit seinen Bildern zu veröffentlichen, verwirklicht wurde.

Die fortschreitende Technik ermöglicht es, dass immer mehr Fotografien von immer mehr Fotografierenden angefertigt werden. Die Ereignisse sind anschließend schnell im Netz verbreitet, redaktionell eingeordnet und authentifiziert sind sie damit aber nicht. 

Unsere Handlungen – etwa durch die Manipulation von Bildern, gezielte oder rein amüsierende Desinformationen, die Erstellung von Memes – verändern jedoch die Fotografiekultur. Der Fotojournalismus wirkt plötzlich einstweilen antiquiert in seinen Anforderungen und Regeln, was alles nicht mit einem Bild geschehen darf. Zwischen Foto-Forensik und Alltag – wie können wir also mit Bildmanipulationen umgehen? 

Miriam Zlobinski von ReVue diskutiert darüber mit dem Historiker Prof. Dr. Gerhard Paul und mit Jan Ludwig, dem Faktenchecker der Deutschen Presse-Agentur dpa.

Gerhard Paul ist Historiker und zählt zu den wichtigsten Vertretern der deutschsprachigen Visual History. Er war von 1994 bis 2016 Professor für Geschichte und Geschichtsdidaktik an der Europa-Universität Flensburg. 2016 wurde er zum Seniorprofessor ernannt. Zu seinen Veröffentlichungen gehören u.a. das zweibändige Standardwerk «Das Jahrhundert der Bilder» (2008) sowie «Das visuelle Zeitalter», «Punkt und Pixel» (2016) und «Bilder einer Diktatur» (2020).

Jan Ludwig ist Faktenchecker und Recherchetrainer bei der Deutschen Presse-Agentur dpa. Er studierte Philosophie und Geschichte in Dresden und Paris, absolvierte die Henri-Nannen-Journalistenschule in Hamburg und lebte anderthalb Jahre als freier Korrespondent in Israel. Im Jahr 2015 erhielt er den CNN Journalist Award. 2018 erschien sein Jugend-Sachbuch «Populismus» im Carlsen-Verlag, im Februar sein Online-Handbuch zu digitalen Verifikationstechniken bei der Landesmedienanstalt NRW.

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Links: Ein Foto der Fotografin Myriam Boulos für Magnum Photos. Rechts: Ein Cover aus dem «konkursbuch Verlag» von Claudia Gehrke, Fotografie: Anja Müller

#Salon ReVue Nummer 2

Die Darstellung von Nacktheit und Sinnlichkeit sorgte über die Jahrhunderte immer wieder für Empörung. Genauso konstant wurden mal mehr und mal weniger explizite Fotografien erstellt und publiziert. Skandal und Selbstermächtigung, Tabu und Identifikation – was hat es mit der Darstellung von Körperlichkeit, Erotik und Sexualität in der Fotografie auf sich und wo sind die Grenzen zur Strafbarkeit? Darüber sprach Karl-Heinz Steinle von ReVue mit Claudia Gehrke und Myriam Boulos.

Seit Gründung ihres «konkursbuch Verlages» vor über 40 Jahren testet Claudia Gehrke Möglichkeiten und Grenzen von Visualisierungen und Texten rund um die Themen Geschlecht, Körper, Lust, Sex und Erotik. Gegen Gehrke erfolgten mehrere Ermittlungen wegen der Verbreitung von Pornografie in Wort und Bild.

Die Fotografin Myriam Boulos lebt in Beirut, befasst sich mit dokumentarischer und künstlerischer Fotografie und war Mitgründerin des zweisprachigen feministischen Magazins «Al Hayya». Fotografien aus ihrer aktuellen Serie «Sexual Fantasies Censored» waren auf der Berlin Photo Week in der Ausstellung «Jetzt: Magnum Photos» zu sehen. 

Die Veranstaltung fand auf Englisch statt.

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Griechenland, Lesbos, 2015: Es herrschte große Erleichterung nachdem die Fahrt zum Festland begann. An Bord der Fähre waren rund 1600 geflüchtete Menschen, von denen die Anspannung langsam abfiel. Ab jetzt geht es vorwärts – war das gemeinsame Gefühl der Passagiere, so der Fotograf. Foto: Félix Kleymann

#Salon ReVue Nummer 1

Anlässlich des Weltflüchtlingstages am 20. Juni 2022 widmeten wir unseren ersten Salon dem großen, aktuellen Thema «Flucht».  Miriam Zlobinski von Revue sprach mit dem Historiker Andreas Kossert und mit dem Fotografen Félix Kleymann über Gründe und Ursachen, die Heimat zu verlassen.

Von dem Historiker und Bestseller-Autor Andreas Kossert war zuletzt das Buch «Flucht – Eine Menschheitsgeschichte» erschienen. Für seine Arbeit wurden Andreas Kossert der «NDR Kultur Sachbuchpreis 2020» und der Preis für «Das politische Buch 2021» der Friedrich-Ebert-Stiftung verliehen.

Der Fotograf Félix Kleymann fragte sich schon 2015: Wie ertragen Menschen die Strapazen einer Flucht? Er begab sich auf die Reise und begleitete flüchtende Menschen vom Nordirak bis nach Deutschland. Die Fahrt im Schlauchboot inklusive. Aktuell arbeitet Félix Kleymann in der Ukraine.

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Fotografie ist allgegenwärtig, wird aber in den journalistischen Medien noch wenig hinterfragt oder erklärt. Wer an Journalismus denkt, denkt an Texte. Das digitale Magazin ReVue verfolgt einen anderen Ansatz: Es nähert sich den Themen vom Bild her. In unseren Beiträgen untersuchen wir die Rolle und Funktion von Bildern im Verhältnis zum Text, zur Wahrheit, zum politischen oder historischen Kontext. Wie nehmen wir Bilder wahr? Welche Geschichte steckt dahinter?
Unsere Beiträge erscheinen auf Deutsch, wir übersetzen aber auch fremdsprachige Texte und erleichtern so den Wissenstransfer zu einer deutschsprachigen Leserschaft.
ReVue ist unabhängig. Die Redaktion arbeitet ehrenamtlich. ReVue ist ein Projekt der gemeinnützigen DEJAVU Gesellschaft für Fotografie und Wahrnehmung e.V. in Berlin.

Herausgeberin

DEJAVU
Gesellschaft für Fotografie und Wahrnehmung e.V. 
Methfesselstrasse 21
10965 Berlin

ReVue ISSN2750–7238

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