20190806_MES_SStauss_Faltblatt_F.indd

Kolumne

Café Herbst
oder die Reise zum Amazonas

aufgezeichnet von
Edgar Herbst

Dies ist die Geschichte des Zuckerbäckersohns Edgar Herbst, der zum visuellen Aufzeichner avanciert. Er notiert seine Wahrnehmungen des Aufwachsens in der Harzer Natur in der späten Nachkriegszeit und irrt auf unbestimmten Pfaden der Provinzen bis in die Metropolen Frankfurt - Hamburg – Berlin. Anerkennung suchend und Aufmerksamkeit erweckend, mit zerfleddertem Smoking und brandlöchrigem Seidenschal, selten ohne Hut, schenkt er sein Auge der gesellschaftlichen Dekadenz, übermütig in der Darstellung seines Gegenüber und seiner selbst. Aus diesem geistigen und materiellen Archiv soll - schonungslos und gleichsam von Selbstironie gezeichnet- ein Buchwerk panoptischer Fülle entstehen. 

Text und Zeichnung — Edgar Herbst

Foto — Paul Schirnhofer

Teil 1: Jüdisches Krankenhaus und Ibiza

19956644_10213402734444958_7417755945359407020_o
Selbstportrait, in der Erdgotherapie ausgemalt und mit Kamera und Laubharke ergänzt von Edgar Herbst. Im Jüdischen Krankenhaus, Berlin, im Juli 2017.

2017

Die junge Dame, die an Schizophrenie erkrankt, erschreckte mich am ersten nüchternen Tag, als sie unbekleidet durch die kargen, weißgelben Gänge der Station 10 rannte, und in Gedichten ihren Vater und den Führer mal verherrlichte, mal beschimpfte. 

Zwei Tage nach meiner Selbsteinlieferung am 30. Juli 2017 in das Berliner Jüdische Krankenhaus, schlich sich das schöne Gift nur zäh aus meinen Muskeln und Gliedern. Wehmütige Gedanken an den letzten Abend im Landhaus Märkisch Wilmersdorf, mit Julie, meiner lieben Herz- und Rauschprinzessin, feierte ich vorm zart flackernden Kamin ein letztes Fest. Ein Sommerregen und traurige Wolken überzogen das intime Paradies des Exzesses einer Zeit surrealen Erlebens an der Oberkante Universum.

1992

Das Hotel Pikes in den Bergen der Insel Ibiza hatte vor einem Jahr noch Freddie Mercury und seine Crew beherbergt, und es wurden wilde Abende kolportiert. Für die große Sommergeschichte des Jahres 1992 wurden auf der Redaktionskonferenz des Magazins Stern der Photograph Paul Schirnhofer, der Sternautor Jochen Siemens und der Nachtvogel Edgar Herbst auserwählt, in Reportageform aus der Exzesszone der rauschhaft tanzenden, ostentiös Veranlagten möglichst spektakulär zu berichten. Über Ibiza hingen in diesen Sommertagen tiefe Wolken, Dauerregen besprühte den blassgraublau glitzernden Pool.

Lesen Sie hier Teil 2 der Serie

Der liegende Photograph, Edgar Herbst auf Ibiza, 1992Foto: Paul Schirnhofer
Der liegende Photograph, Edgar Herbst auf Ibiza, 1992 / Foto — Paul Schirnhofer
Edgar Herbst
1961 nach wilder bis halsbrecherischer Slalomfahrt im Mutterleib, hochsommerliche Ankunft in der blass colorierten schwarz-weiss Kulisse des Kurortes Bad Lauterberg. Frühkindlicher Taumel durch den idylisch anmutenden Kosmos der Grossfamilie, Zuckerbäckerei, Pferdeherden, Wasser- und Schneeathleten, inmitten des Harzgebirges untermalt von Hexentanz und Geistersynphonien. Irritiert, sprachlos ob der Selbstsprengung der Familie. Erste Selbstwahrnehmung lebendigen Seins auf dem Internat Schloss Varenholz unter Gleichgesinnten in der Knospenzeit des jungen irr Wandelnden. Metropolenberührung in Frankfurt am Main, Erforschung der Großstadt mit hungrigen Augen im zwielichtigen Areal. Entdeckung der Liebe zur photographischen Aufzeichnung. Hingabevolles Wirken in der medialen Magazinwelt “Orangepress”, brodelndes Labor, psychedelische Wirkstoffe und Feuerwasser fördern die Sehformel in rauschhaften Prozessen. Hamburg - Festung der bedruckten Blätter; zum Exzess beauftragt und diesen verinnerlicht. Monitäre Unüberschaubarkeiten, Flucht zum ich - Berlin! Insozialer Absturz - Clochard de luxe - Schmerz, Rausch, Schöpfen in Erschöpfung; gefühlt Ober- und Unterkante Universum, Abstinenz- statt Absinth - Belebung des Innen und Außen - im Beiboot des Dampfers die unvermeidliche Selbstironie Lebens und Sterbens. Waghalsiger Plan der Liebe einen Sockel zu kreieren - immer mit nervösem Charakter friedlicher Manie.
randlos_Seite-2-Flugblatt-final._web
Bestellen Sie das 594 x 841 cm (A1) große Flugblatt kostenlos bei uns!

Bestellen und unterstützen

Café Herbst
oder die Reise zum Amazonas

Da sich dieses Buchprojekt ausschließlich von Spenden finanziert, freuen wir uns auf Ihre Unterstützung. 
 
Mehr Informationen und dieses doppelseitige Flugblatt können Sie kostenlos anfordern bei 
Edgar Herbst, Neues Ufer 11, 10553 Berlin
Tel. 0162/3322047 oder
herbst@dejavu-gesellschaft.org
 

Weiterlesen

Mehr ReVue
passieren lassen?

Der ReVue Newsletter erscheint einmal im Monat. Immer dann, wenn ein neuer Artikel online geht. Hier en passant abonnieren.

Sie möchten unsere Arbeit
mit einer Spende unterstützen?
Hier en passant spenden!

revue-wortmarke-w3

Fotografie ist allgegenwärtig, wird aber in journalistischen Medien immer noch wenig hinterfragt oder erklärt. Bei «Journalismus» denken die meisten an Texte. Das digitale Magazin ReVue verfolgt einen neuen Ansatz, es betrachtet die Themen vom Bild ausgehend. Wir untersuchen in unseren Beiträgen die Rolle und Funktion der Bilder in Bezug auf Text, Wahrheit, politischen oder historischem Kontext. Wie nehmen wir Bilder wahr? Gibt es eine Geschichte dahinter? Unsere Artikel erscheinen auf Deutsch, wir übersetzen aber auch fremdsprachige Texte und erleichtern so den Wissenstransfer zu einer deutschsprachigen Leserschaft. ReVue ist unabhängig. Die Redaktion arbeitet ehrenamtlich. ReVue ist ein Projekt der gemeinnützigen DEJAVU Gesellschaft für Fotografie und Wahrnehmung e.V. in Berlin.

Herausgeberin

DEJAVU
Gesellschaft für Fotografie und Wahrnehmung e.V. 
Methfesselstrasse 21
10965 Berlin

ReVue wird unterstützt von

Bild-Kunst-Kulturwerk