Das Bild in seiner Zeit

Ein Archiv ist 
von Macht gefärbt

Ein neues Fotobuch mit polnischen Überwachungsbildern enthüllt die finsteren Mechanismen des Totalitarismus

«Ein Archiv ist von Macht gefärbt», sagt Kuratorin Beata Bartecka. «Immer. Unabhängig davon, in welchem Land es sich befindet oder von wem es verwaltet wird.» 

Die Autorin Diane Smyth sprach mit der polnischen Kuratorin über ihr Buch «How to Look Natural in Photos», das sie gemeinsam mit dem Fotografen und Galeristen Łukasz Rusznica erstellt hat. Die Bilder stammen aus dem «Institut für Nationales Gedenken» (IPN), einer polnischen staatlichen Einrichtung, die für die Archivierung und Verwaltung von Dokumenten von Verbrechen gegen die polnische Nation zuständig ist.

Text — Diane Smyth — 17.07.2020  

Fotos — Aus: How to Look Natural in Photos Wie man auf Fotos natürlich aussieht (2021)

Dieser Artikel ist am 23. März 2021 im Original  im Calvert Journal erschienen

Das IPN wurde 1990 gegründet und erforscht die Verbrechen der letzten 100 Jahre. Das Archiv des Instituts ist ein Zusammenschluss verschiedener Sammlungen, die in dieser Zeit entstanden sind, darunter Unterlagen der kommunistischen Geheimpolizei, aber auch von Nazi-Offizieren. Es umfasst Millionen von Gegenständen, darunter viele Tausend Bilder.

Bartecka und Rusznica arbeiteten erstmals 2014 mit diesen Bildern, als Rusznica in seiner Galerie «Miejsce przy Miejscu» in Breslau eine Ausstellung mit dem Titel «How to Photograph?» kuratierte und Bartecka zur Mitarbeit einlud. Fasziniert von den Fotografien, kehrten sie 2019 zu ihnen zurück, mit dem Ziel, eine ambitioniertere und dauerhafte Arbeit zu schaffen.

Sie wählten aus, was sie interessant fanden, ohne zu analysieren, warum diese Aufnahmen sie ansprachen, und landeten bei etwa 3000 Fotos; dann bearbeiteten und überarbeiteten sie diese Sammlung, reduzierten sie auf die etwa 150 im Buch gezeigten und ordneten die Bilder sorgfältig. Das Ergebnis ist abwechselnd erschreckend, faszinierend, verwirrend und sogar düster-absurd.

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Die Fotos danach zusammengestellt, wie sie als Bilder miteinander sprechen

Es gibt ein wunderschönes Foto von Walnussschalen und eine bäuerliche Landschaftsaufnahme; es gibt Bilder von Taschen, Kleidungsstücken und einem Team von Polizisten, die komische Synchronbewegungen machen. Es gibt die Aufnahme eines Mannes und zweier Frauen an einem Bahnhof, die beide gut aussehend und cool wie im Film Noir ausschauen; aber dann gibt es Bilder, die eindeutig verstörender sind, darunter Fotos von Verletzungen und Leichen, Fahndungsfotos und offensichtlich heimlich aufgenommene Fotos.

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Bildserien, die eindeutig zusammengehören, werden aufgelöst, Aufnahmen aus verschiedenen Zeiten werden frei gemischt. Es werden seltsame visuelle Gegenüberstellungen gemacht, zum Beispiel zwischen einer offenen Falltür und dem offenen Maul eines Fisches. In einer Sequenz beginnen sich die Fotos derselben Straße zu vermehren - die erste Doppelseite zeigt vier Bilder, die nächste 16, die nächste 64 und so weiter, bis die schiere Anzahl der Bilder überwältigt. «Wir haben die Fotos danach zusammengestellt, wie sie als Bilder miteinander sprechen», sagt Bartecka. «Nicht als Geschichten und Fakten.»

«Polaroids wurden von Geheimagenten gemacht, die heimlich Wohnungen durchsuchten, um die Dinge so zurückzustellen, wie sie sie vorgefunden hatten.»

Der Index mit den Bildunterschriften am Ende des Buches offenbart Gruseliges

Tatsächlich gibt es in diesem Bilderstrom keine Bildunterschriften oder Datumsangaben. Erst am Ende des Buches findet sich ein Index, der die Beschreibungen der im IPN-Archiv verwendeten Fotos wiedergibt. Was dieser Index offenbart, ist gruselig.

Die Walnussschalen und Tüten dienten zum Verstecken von Kameras, die Landschaftsaufnahme zeigt das Versteck eines Spionagerings. Das glamouröse Dreiergespann auf dem Bahnsteig waren «Personen von Interesse», die unter Überwachung fotografiert wurden, die lächerlichen Polizisten übten Handgriffe zur Kontrolle von Menschenmengen und Protesten. Der Leser mag sich fragen, was um alles in der Welt er sich da angeschaut hat - und was er beim Anschauen getan hat.

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«Das Buch ist eine Art Falle», sagt Rusznica. «Die Fotos werden ohne Kontext, wer sie aufgenommen hat und warum, betrachtet. Sie funktionieren nur als Bilder. Erst mit der Zeit, wenn sie überhaupt bis zum Ende des Buches kommen, können die Betrachterinnen und Betrachter lesen, was sie da sehen und was diese Fotos zeigen. Dieser ethische Zweifel ist ein wesentliches Element des Buches.»

Wie ein begleitender Essay des Historikers Tomasz Stempowski darlegt, sind die Bilder Überbleibsel eines Systems der Macht, der Kontrolle, die durch Bespitzelung, Verfolgung, Katalogisierung und Einschüchterung ausgeübt wird. Obwohl Stempowski sich auf Bilder konzentriert, die von der polnischen Geheimpolizei zwischen 1944-89 gemacht wurden und das Buch auch frühere Aufnahmen enthält, ist sein Text sehr detailliert und beschreibt genau, was diese Agenten fotografierten und warum. Der Titel des Buches stammt aus einem Handbuch für die Aufnahme solcher Porträts, in dem empfohlen wird, schnell und ohne Vorwarnung zu fotografieren, damit «das Gesicht der Person sein natürliches Aussehen behält».

Überwachungsfotos halfen auch beim Aufspüren und Identifizieren von Personen und wurden sowohl heimlich als auch offen - manchmal sogar ohne Film in der Kamera - gemacht, um potenzielle Umstürzler zu bedrohen. Einige Agenten gaben sich als Demonstranten oder Journalisten aus, um Streiks oder Unruhen zu fotografieren, Ereignisse, die stark zensiert wurden und daher ironischerweise nicht aufgezeichnet werden konnten.

Agenten konnten sich auch als Touristen oder sogar als Freunde ausgeben, um Informationen über die Interessen, Gewohnheiten und Kontakte der Personen zu sammeln. «Während Familienfotos oder Urlaubsschnappschüsse von geringer Bedeutung zu sein scheinen, waren sie für die Geheimpolizei tatsächlich sehr wertvoll», schreibt Stempowski.

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Der Autor all dieser Fotos ist der Machtapparat

Polaroids wurden von Geheimagenten gemacht, die heimlich Wohnungen durchsuchten, um die Dinge so zurückzustellen, wie sie sie vorgefunden hatten; wenn verdächtige Materialien entdeckt wurden, wurden auch diese fotografiert. Kameras wurden in Taschen oder Walnüssen, Gürteln oder sogar Regenschirmen versteckt, oder auch dauerhaft in Möbelstücken, und wenn sie Personen in kompromittierenden Szenen aufnahmen, «konnte das später dazu benutzt werden, die Aufgenommenen zu erpressen, um sie zur Zusammenarbeit mit den Behörden zu zwingen, z.B. als Informanten». Andere Bilder wurden von der Geheimpolizei für interne Operationen gemacht, z.B. für die Aufnahme des eigenen Personals oder um der Bereitschaftspolizei zu zeigen, wie man sich in Formation bewegt.

Was auch immer ihre Funktion war und wie auch immer sie aufgenommen wurden, diese Bilder hatten zwei Dinge gemeinsam - ihre Autoren und ihre ästhetischen Qualitäten waren irrelevant. Das ist etwas, das Bartecka und Rusznica fasziniert. «In der Kunst und im Journalismus gibt es Diskussionen über das Medium, die Schönheit und die Rolle des Fotografen», sagt Bartecka. «Auf der staatlichen Ebene war das ganz anders. Die Fotografie war ein Werkzeug, und die Bilder wurden im Sinne der Realität und der faktischen Beweise wahrgenommen. Die Agenten und Offiziere waren auch selbst ein Werkzeug, gesteuert vom gesamten System und Machtapparat. Die Autorenschaft all dieser Fotos liegt bei der Behörde, der Macht, dem System.

«Deshalb sind die Fotos im IPN-Archiv, die sich den 'Zielen' entziehen, so faszinierend», fügt sie hinzu. «Es gibt zum Beispiel ein Foto aus einem Park, bei dem das Objektiv nicht auf eine Person oder ein Versteck gerichtet war, sondern auf die Äste der Bäume und das Licht, das durch sie hindurch scheint. Es gibt dort nichts, was als Beweis bezeichnet werden kann. Es ist nur ein Moment, ein Moment des Zusammenbruchs im System, der den Dienstfotografen bricht und einen Menschen offenbart.»

«diese Bilder hatten zwei Dinge gemeinsam - ihre Autoren und ihre ästhetischen Qualitäten waren irrelevant.» 

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Jeder, der will, kann sich hinsetzen und Dokumente und Fotos durchstöbern, analysieren und nutzen

Und das ist eine interessante Art und Weise, dieses Buch zu betrachten, denn während es in «How to Look Natural in Photos» um den Missbrauch staatlicher Macht geht, wird das Buch vom Kulturinstitut der Stadt Breslau mit herausgegeben, das von der Gemeinde Breslau finanziert wird, und Bartecka arbeitete daran mit einem Stipendium des polnischen Ministeriums für Kultur und Nationales Erbe.

Das IPN wird ebenfalls vom polnischen Staat geführt und kürzlich musste der Leiter des Breslauer IPN-Büros, Tomasz Greniuch, zurücktreten, nachdem Bilder aufgetaucht waren, die ihn als jungen Mann bei rechtsextremen Demonstrationen zeigten. Wie Associated Press es ausdrückte, «wurde die Tatsache, dass Greniuch überhaupt in diese Rolle berufen wurde, von einigen als Beweis dafür gesehen, dass Rechtsextremismus bei Polens regierender konservativer Partei 'Recht und Gerechtigkeit' (PiS) zum Mainstream wird».

Bartecka und Rusznica sind sich bewusst, dass das IPN «in verschiedenen politischen Spielen benutzt wird», wie Rusznica es ausdrückt, fügen aber hinzu, dass das Archiv ein eigenständiges Forschungsinstitut ist, und weisen darauf hin, dass es für alle offen ist. «Jeder, der will, kann sich hinsetzen und Dokumente und Fotos durchstöbern, analysieren und nutzen», sagt Bartecka. «Das ist für mich das Wichtigste an der Arbeit des IPN: Es geht darum, nie aufzuhören, zu schauen. Immer wieder zu schauen, immer wieder. Und noch einmal.»

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Dies ist kein Buch über die Vergangenheit

Sie hoffen, dass ihr Buch genau das auch tut, indem es sich sowohl «politischen Spielchen» als auch direkten historischen Erzählungen widersetzt, um eine neue Sichtweise auf ein sehr emotionales Material zu ermöglichen. «How to Look Natural in Photos» ist subversiv, weil es Interpretation zulässt, sagt Rusznica, «und Interpretation ist Freiheit, d.h. aus der Perspektive jeder Politik - eine Bedrohung». Und er fügt hinzu, dass das Buch zwar über Macht spricht, aber über etwas, das weit über Polen und weit über die staatliche Kontrolle hinausgeht.

«Jemand beobachtet uns immer noch», sagt Rusznica. «Es wäre ziemlich naiv, die Behörden nur mit den nationalen Regierungen zu identifizieren.» Das Interesse der polnischen Geheimpolizei an Familienfotos und Urlaubsschnappschüssen deutet auf die Algorithmen hin, die unsere Bilder in den sozialen Medien verfolgen; der ständige Zustand der Überwachung unterscheidet sich kaum von einer Landschaft, die mit CCTV-Kameras übersät ist.

«Es ist der perfekte Zeitpunkt, um ein Buch über das totalitäre System der Gewalt zu veröffentlichen», sagt Rusznica. «Dies ist kein Buch über die Vergangenheit, es wird nur aus der Perspektive der Vergangenheit erzählt. Es geht um das Hier und Jetzt - um die Macht, die uns beobachtet und kontrolliert, um die Gewalt und die Politik, die die Realität programmiert.»

 

«How to Look Natural in Photos» ist kuratiert und herausgegeben von Beata Bartecka und Łukasz Rusznica und enthält einen Essay von Tomasz Stempowski. Das Buch wird herausgegeben von Ośrodek Postaw Twórczych und Palm* Studios, Wroclaw - London 2021. Es ist hier zu kaufen.

Wir danken dem Calvert Journal, in dem dieser Artikel im Original erschienen ist.

Index (für den ersten Block)

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Von oben links nach unten rechts:

Anschauungsmaterial für den Inspektionsbericht
eines Kraftfahrzeugs VW Golf LD, amtliches Kennzeichen Nummer WUL 2473, im Regionalbüro für
Inneren Angelegenheiten in Toruń am 20. Oktober 1984 (der Prozess gegen die Mörder von Pfarrer Jerzy Popiełuszko), 20. Oktober 1984

Griechische Flüchtlinge in Polen, 1949-1950
Medizinische Dokumentation der Patienten des Chirurgischen Krankenhauses Nr. 250 in Dziwnów.
Referenz: IPNBU-3-22-2-1320

Ryszarda Pietrzak, 1940-1943
Ryszarda Pietrzak - linkes Profil in Nahaufnahme.
Referenz: GK-12-2-527-3

Wege des Grenzübertritts durch Agenten der Nachrichtendienste
Referenz: IPNSz-5-3-2-1

Piława-Górna-Album, 1.09.1939-31.10.1942
Ein Zimmer in einer Dorfbaracke. Ein bis zur Taille unbekleideter Mann in Uniformhose steht mit dem Rücken und betrachtet sich, wahrscheinlich in einem Spiegel. Links, auf dem Boden, sieht man die Beine von anderen liegenden Soldaten.
Referenz: GK-6-16-3-99

Räumlichkeiten der NSZZ «Solidarność», 7.05.1981
Eingang zum Büro des Vorstands der NSZZ «Solidarność» RM in der Szpitalna-Straße 5 in Warschau. Referenz: IPNBU-3-4-203-23

Diane Smyth
Diane Smyth ist eine freiberufliche Journalistin, die für The Guardian, The Observer, The FT Weekend Magazine, Creative Review, FOAM, Elephant Magazine, Apollo und viele mehr geschrieben hat. Bevor sie sich selbstständig machte, schrieb und redigierte sie mehr als 15 Jahre lang für das British Journal of Photography. Außerdem hat sie Texte für Fotobücher und Ausstellungskataloge geschrieben und Ausstellungen für The Photographers' Gallery, das Lianzhou Foto Festival und das Flash Forward Festival kuratiert.

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