Der/Schnitt

Ein Gespräch über die Collage
mit Caro Mantke

Beschneiden, ausschneiden, zerschneiden: All diese Vorgänge sollen für den ”unversehrten” Status einer Fotografie unterbleiben. Ein Genre kann jedoch gar nicht anders – die Collage.

Text — Miriam Zlobinski – 18.8.2021

Bilder — Caro Mantke

Die Grundlage deiner visuellen Objekte und Bilder sind Fotografien und auch im Arbeitsprozess fotografierst du immer wieder, schaffst Kombinationen aus erkennbaren Elementen und verwirrenden Anordnungen. Was ist für dich an dem Medium Fotografie wichtig?

Das ist eine gute Frage, die ich selbst noch gar nicht wirklich für mich ergründet habe. Das Medium und seine Materialität begleitet mich. Bereits zur Schulzeit legte unsere Kunstlehrerin den Fokus auf Schwarz-Weiß-Fotografie und ich kann mich erinnern, dass ich Fotogramme total spannend fand, die auch eine Form von Collage sind. Damit war es einfach, eine Abstraktion zu erzeugen, ohne komplett losgelöst von etwas Erkennbarem zu sein. Vor dem Studium habe ich dann ein Praktikum in einem Fotostudio gemacht und durfte nach der Arbeit die Kontaktabzüge von der Rolle für meine eigenen Fotografien benutzen. Später im Studium hatten wir in unserer WG sogar eine Dunkelkammer eingerichtet, in der ich gerne experimentiert habe. 

Heute ist Fotografie für mich zum einen eine Technik. Zum Beispiel, wenn ich als Werk am Ende ein Foto von einer 3d-Collage haben möchte. Dabei setze ich sie wie Makrofotografie ein, so dass ich in die verhältnismäßig kleinen Objekte mit dem Objektiv fast hineinkriechen kann, wie in ein Puppenhaus. Wenn dann der Abzug später sehr groß wird, gibt es eine spannende Proportionsveränderung. Auch kann ich hier mit Licht und Perspektiven spielen, wie auf einer Bühne. Zum anderen fungieren für mich Fotografien, die nicht von mir selbst stammen, natürlich als Material für meine Collagen, die dann eben teilweise selbst wieder zu Fotos werden. Ich leihe mir also aus der Flut der Abbildungen Bilder aus, entwickle daraus meine eigenen und füge sie dem Pool wieder hinzu.

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 «Glossig-geschmeidige Lippen, weiße Zähne und straffe Brüste werden zu kantigen Objekten neu zusammengesetzt», schreibt Claudia Raupach über Caro Mantkes Arbeit «Bodybuildings».

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Ein schmelzender Berg oder eine triefende Nasen? Caro Mantkes Bilder fordern einen zweiten Blick heraus.

Wann wurde die Collage zum Konzept für dich?

Ich würde sagen, meine erste ernstzunehmende Collagenarbeit ist  «176 Portraits» aus dem Jahr 2014. Das sind 176 schnell entstandene, kleinformatige Portraits, bei denen mehr Masse als Klasse zählte. Zum einen ging es mir damals um die analoge Arbeit neben dem Computer und zum anderen um Dekonstruktion. In diesem Fall der öffentlichen Körperdarstellung, vor allem der weiblichen. Ich erinnere mich, dass das Zerschneiden sehr viel Spaß gemacht hat und das absurde Zusammensetzen auch. Es ist schön zu sehen, dass jetzt endlich echte Veränderungen in der Darstellung von Frauenkörpern zu sehen sind! Es ist ja längst überfällig und eigentlich schon fast langweilig, darüber zu erzählen.  

Das war also defintitiv eine der ersten Ideen – die Dekonstruktion von menschlichen Körpern bei gleichzeitiger Neukonstruktion von nicht Gekanntem, Ungesehenem, Ungewöhnlichem. Bei den Materialien selbst spricht mich der menschliche Körper an, und solche Motive finde ich vor allem in der Modefotografie. Weitere Rollen spielen Farbe und Oberflächen. 

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Den Anfang machten «176 Portraits»  2014, seitdem arbeitet Mantke mit dem Mittel der Collage.  

Wie fällst du die Entscheidung, was wie zerschnitten wird? Wie läuft der Prozess von Dekonstruktion und Konstruktion ab?

Das kommt eigentlich automatisch, zumindest will ich nicht zu sehr darüber nachdenken, glaube ich. Der Zufall ist ein wichtiger Partner der Collage. Das beginnt bei der Wahl des Collagenmaterials, über die Bearbeitung bis hin zur Wirkung im Foto oder am originären Objekt. Eins meiner Prinzipien, zumindest im Moment, ist, dass ich mir aus dem Originalmaterial mein eigenes Material sozusagen herausschäle, nämlich meistens ausschließlich den menschlichen Körper. Dabei entferne ich alles Menschengemachte, also Kleidung, Schmuck, Gegenstände jeglicher Art. Das hat dann meist nicht mehr viel mit dem Ursprung gemein. Wenn ich Malerin wäre, wäre das dann meine Farbe.

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Bei «Mixtropien» verwandeln sich Versatzstücke aus Papier und Farbflächen zu räumlichen Körpern. 

«Wenn ich Malerin wäre, wäre das meine Farbe.» 

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Die Arbeit «Die Ratte», eine 3D-Collage in Form eines von der Wand hängenden Tierkadavers, muss man schon eine Weile betrachten, um zu erkennen, dass sie aus Frauenhaar, Lippen und Körperrundungen zusammengesetzt wurde. Aus dieser Melange formt sich ebenfalls ein Oktopus.

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Die meisten deiner Aufbauten existieren nach dem Fotografieren nicht mehr. Wie gehst du mit den Aspekten der Flüchtigkeit und Reproduktion um? Spielt es inhaltlich oder ästhetisch eine Rolle? 

Ich denke, die Flüchtigkeit und teilweise Einmaligkeit der Arbeiten spiegelt irgendwie auch die scheinbar endlose Flut allgemein existierender Bilder wider. Deswegen kann ich mich auch gut von ihnen trennen. Aber es hat auch praktische Gründe. Wenn ich zum Beispiel eine Arbeit herstelle, an deren Ende ein Abbild, also eine Fotografie steht, dann muss die Collage für diesen Zweck funktionieren und danach verliert sie meist ihre Daseinsberechtigung. Arbeiten allerdings, die als Originale in Galerien gezeigt werden, sind dagegen viel aufwändiger herzustellen, da sie dem realen Raum standhalten müssen. Sie behalte ich oft. Und manchmal benutze ich sie oder Teile davon mehrfach in unterschiedlichen Kontexten, auch als Reproduktions-Zitat.

Wie ist die Verbindung zwischen deinen Arbeiten und deiner Handschrift, hat sich dein ästhetischer Ausdruck mit dem Prozess der unterschiedlichen Collagen verändert?

Ich finde es spannend, die klassische Collage zu erweitern, zum Beispiel durch dreidimensionales Arbeiten im Raum, Fotografie, Video oder wie aktuell durch Aquarelltechnik. Das ist wahrscheinlich ein Teil, der meine Arbeit charakterisiert und auch verändert. Dazu kommen dann natürlich noch bestimmte Vorlieben, für Farben etwa oder wie ich etwas in einer bestimmten Weise montiere. Und die Bildsprache, die schon im ausgewählten Collagenmaterial existiert, spielt auch eine Rolle und prägt ihrerseits bereits die Ästhetik.

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Mit "Hokuspokus" betreten Betrachter eine künstlerische Chimäre, ein Gegenstück zur Realität. Eine Einladung, das dritte Auge zu öffnen.

Die Bedeutung der Collage für die bildende Kunst ist stark mit der Avantgarde des 20. Jahrhunderts verknüpft. Mit dem Gefühl der Krise, dem Kapitalismus und dem Wunsch, mit allem Alten zu brechen. Kubismus, Futurismus, Dadaismus - damals ging es stark um eine Verbindung zur wirklichen Welt und zugleich um einem Ausdruck für ein "Dagegen". Wo siehst du die Stärke der (Foto) Collage heute?

Konzeptionell gesehen hat die Collage als Genre immer diese Kraft, die zu jeder Zeit eingesetzt werden kann, denke ich. Zusätzlich nach wie vor vom Kunstbetrieb ein bisschen als Outlaw behandelt, kann sie es vielleicht auch besser sein: Eine Opposition, die je nach Materialwahl auch Zeitdokument und -kritik sein kann. Sehr amüsant finde ich das Absurde, das der Collage innewohnt, und den damit verknüpften, satirischen Humor.

Du wählst verschiedene Wege der Präsentation im Print, Online aber auch im Raum, gibt es für dich Grenzen der Collage?

Nein, eigentlich nicht. Und philosophisch gesehen finde ich sogar, dass das Prinzip der Collage, also das Zusammenfügen von unterschiedlichen Versatzstücken, mehr oder weniger gelungen das Leben selbst widerspiegelt.

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Foto: Paula Immich

Caro Mantke
Caro Mantke ist in Berlin geboren und studierte an der Bauhaus-Universität Weimar. Als selbständige Designerin arbeitet sie hauptsächlich im Kunst und Kulturbereich, außerdem illustriert sie Artikel in Magazinen und arbeitet als freie Künstlerin.

caromantke.de
instagram.com/matrose_mantober

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