Champagner im Keller 

Text & Fotos — Nina Röder — 23.10.2021

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Brillendoppel: Dieses Bild zeigt meine Mutter und mich mit den alten Brillen meiner Großeltern. Meine Großeltern haben all ihre Brillen aufbewahrt, weil sie dachten, sie würden im Laufe der Jahre wieder besser sehen können. 

Die Tür zum Keller wurde Anfang 2020 zum ersten Mal geöffnet

Als die Großeltern der Fotografin Nina Röder vor drei Jahren starben, musste die Familie innerhalb einer Woche ihr Haus ausräumen und schließlich verkaufen. Nur einige wenige Erinnerungsstücke wurden in einem Kellerraum im Haus von Röders Mutter in Windsbach, Bayern, eingelagert. Die Tür dieses Raumes wurde Anfang 2020 zum ersten Mal wieder geöffnet.

Meine Serie «Champagner im Keller» knüpft an eine vorherige Arbeit über meine Familie an; Gefühlen von Verlust und Trauer versuche ich auf performative und humorvolle Weise zu begegnen. Dabei gehe ich der Frage nach, welchen Einfluss unsere Familie und unsere Herkunft, aber auch Verluste und vererbte Traumata auf unser Denken und Handeln haben können. Durch die Möglichkeiten der fotografischen Inszenierung wird der Prozess des Loslassens von Familienmitgliedern als veränderbare Konstruktion erfahrbar.

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Die Serie «Champagner im Keller» ist eine Zusammenarbeit mit meiner Mutter. Sie ist seit mehr als zehn Jahren mein Modell.

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In dieser Serie gibt es einige Bilder mit echten Pelzen. Das ist auch auf diesem Bild der Fall. Meine Großmutter besaß einige echte Pelzmäntel. Da sie einst als Flüchtling alles verloren hatte, bedeutete der Besitz von Pelzmänteln für sie, dass alles in Ordnung war. Sie trug die Pelze nicht oft – die Tatsache, dass sie in ihrem Kleiderschrank hingen, war für sie eine Art Beruhigung.

Es begann im Corona-Lockdown

Mit einer Ambivalenz aus Erstaunen und Melancholie haben wir alle Dekorationsobjekte, Einrichtungsgegenstände und vor allem die Kleidung meiner Großmutter begutachtet. In diesem Kellerraum, in dem alles lagerte, habe ich mit meiner Mutter während des Corona-Lockdowns im Frühjahr 2020 Porträts, Selbstporträts und Stillleben für die Kamera festgehalten und damit eine Bühne für ein absurdes Theater geschaffen.

Der Titel der Serie basiert auf einem Zitat von meinem Großvater. Anlässlich seines 90. Geburtstages bekam er mehrere Flaschen Champagner geschenkt. Als bescheidener Mann brachte er diese in seinen Keller und sagte: «Wenn das Bier leer ist, dann trinken wir halt den Champagner im Keller.»

«Wenn das Bier leer ist, dann trinken wir halt den Champagner im Keller.»

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Im Alter von 85 Jahren hat sich meine Großmutter von einer Brustkrebsbehandlung vollständig erholt. Meine Mutter und ich denken immer noch mit Erstaunen daran zurück, wie gelassen und weise meine Großmutter damit umging.

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Meine Großeltern wurden beide knapp 90 Jahre alt. In ihren letzten Jahren verbrachten sie doch viel Zeit zu Hause. Von ihrem Wohnzimmer aus – das mit einer großzügigen Fensterfront versehen war – konnten sie das Vogelhäuschen auf ihrem Balkon beobachten.

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Omas Falten in Blau. Meine Großmutter hat alle ihre Kleider seit den 1950er-Jahren behalten. Als Kriegsflüchtling hatte sie wohl Angst, eines Tages wieder alles zu verlieren. Der Faltenrock – in jeglicher Ausführung – gehörte zum festen Bestandteil ihrer Garderobe.

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In einer Gärtnerei sagte man mir kürzlich, dass Anthurien aus der Mode gekommen sind. Seitdem sehe ich überall Anthurien. Meine Großmutter mochte diese speziell aussehenden Pflanzen. Sie hat außerdem Porzellantiere gesammelt. Dieses Porzellanpferd war ihr lieb und teuer, da es mit besonderen Erinnerungen verbunden war. Als Jugendliche hatte sie ein wunderschönes weißes Pferd, einen Schimmel namens Rosa, besessen. Das Tier musste vor ihrer Vertreibung erschossen werden, da Sudetendeutsche keine größeren Besitztümer mitnehmen durften. Als ich mit der Serie «Champagner im Keller» begann, stieß ich auf die Porzellanfigur. Die Gebissprothesen gab es noch, weil das Krankenhaus den Angehörigen das Eigentum der Verstorbenen übergeben hat. Das Pferd und die Zähne sind die intimsten Erinnerungsstücke an meine Großeltern.

Ein absurdes Theater

Samuel Beckett sagt im übertragenen Sinne über die Absurdität: Es ist das Mittel unserer Zeit, wenn uns die Worte fehlen. Und das trifft meiner Meinung auch auf den Verlust von Menschen zu. In Becketts Werken geht es auch um eine nicht funktionierende Kommunikation – eine Kommunikation, die ins Leere läuft. Das absurde Theater hat deshalb sehr oft tragikomische Züge, die ich in meinen Fotografien wiedergeben will, in dem ich etwa intime Gegenstände wie die Gebissprothesen meiner Großeltern mit Objekten kombiniere, die in keinem sinnvollen Zusammenhang stehen.

Das Haus meiner Großeltern wurde schließlich von einem Nagelstudio gekauft. Deshalb trage ich auf manchen Bildern künstliche Nägel. Das zeigt, dass nicht nur Erinnerungen die Kombinationen in meiner Serie beeinflusst haben, sondern auch die Realität.

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Meine Großmutter mochte keine kalte Wurst aus dem Kühlschrank. Bevor sie also abends ihr Wurstbrot aß, legte sie die Wurst fast überall hin, um sie aufzuwärmen.

Nina Röder

Nina Röder studierte Medienkunst und Design mit dem Schwerpunkt Fotografie an der Bauhaus-Universität in Weimar.
Seit 2017 ist sie Professorin für Fotografie an der Europa-Universität für angewandte Wissenschaften (ehemals BTK) Hamburg.  Sie wird von der Galerie Eigenheim in Berlin vertreten.

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