Sammlerkolumne

«Camera Obliqua»

Es gibt wenige Objekte, die so viele direkte und karikierende Nachahmungen erfahren haben wie der Fotoapparat – schreibt Wolfgang Vollmer. Der Fotograf und Sammler führt in seine Sammlung der «Camera Obliqua» ein, die er während des Studiums begann.

Text — Wolfgang Vollmer

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Plätzchen-Ausstechform, Blech, 11 x 7 cm, ca. 2000, erworben in einem Kochgeschäft in New York

In den späten 1970er-Jahren, ich studierte in Köln bei Arno Jansen Künstlerische Fotografie, fragte mich ein Kommilitone, ob ich nicht bei Saturn/Hansa Foto in Köln in den Weihnachtstagen an der Fototheke aushelfen wollte.

Das Geschäft war mir natürlich bekannt, im architektonisch herausragenden Hansahochhaus wurden auf vielen Etagen Elektrogeräte, Fernsehen, Schallplatten und auch fotografische Geräte und Materialien angeboten. Der Besitzer des Ladens schaltete in der Vorweihnachtszeit Anzeigen in den Tageszeitungen in Köln, Düsseldorf und Bonn, aber vor allem in Amsterdam und Brüssel mit unglaublich niedrigen Preisen für Fotoapparate und Stereoanlagen. So war der Andrang vor allem an den Samstagen (Öffnungszeit von 9 bis 18 Uhr) extrem, drei bis vier Reihen tief drängelten sich die Menschen vor der Fototheke und wollten die Sonderangebote kaufen. Der Trick war einfach: Die ausgelobte Kamera wurde höchstens zum Einkaufspreis angeboten, ein Gewinn wurde durch andere Käufe mitfinanziert. Damals stellte man in einer Untersuchung fest, was die Gründe für einen Besuch in Köln sind: 1. Der Dom, 2. Saturn/Hansafoto und 3. die Hohe Straße.

Vier Wochen lang stand ich freitags und samstags mit mindestens fünf Kollegen an der Verkaufstheke und beriet, erklärte, unterstützte und verkaufte Kameras und Objektive. Es ging um die amateurkompatible neue Spiegelreflexkamerageneration, wie beispielsweise die Canon AE1.

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Spardose als Werbegeschenk eines Fotohändlers, Kunststoff, 10 x 6 cm, © Kodak, ca. 1960 (oben), Tischuhr, Metall, 4,5 x 3 cm, ca. 1990 (unten)

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Schnapsflasche, Keramik, 18 x 10 cm, ca. 1980, erworben auf einem Fotoflohmarkt bei Paris

Freitags, es war noch nicht so viel los, kam ein älterer Mann und fragte nach einem bestimmten weiteren Weitwinkel-Objektiv für seine Leicaflex. Ja, haben wir vorrätig und es kostet 1350 Mark. Zuerst dachte ich, ich bin ein toller Verkäufer, der Preis war für einen Studenten eine sehr hohe Summe, ich selber besaß eine Miranda Sensorex mit 3 Objektiven, die zusammen weniger als die Hälfte gekostet hatte. Jetzt wurde es aber noch überraschender. Ja, sagte der Mann, ich nehme noch einen «Body» dazu. Aber das ist doch eine Kamera mit Wechseloptik, das ist doch gar nicht nötig, meinte ich. Nee-nee, die staubt mir nur ein, wenn die so «ohne» im Schrank stehen. Ich verstand. Hier kaufte jemand für über 3000 Mark Fotogeräte, nur für die Vitrine, also nicht, um mit ihnen zu fotografieren, sondern um zu sammeln!

«Im Erscheinungsbild imitieren die Objekte Fotoapparate, ihre Funktion entlehnen sie den unterschiedlichsten Alltagsgegenständen»

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Baby-Fühl-Spielobjekt, Stoff u.a., 13 x 12 cm, © Fisher-Price, 2015

«Das größte Sammelobjekt ist ca. 40 x 60 cm groß: ein Kuschelkissen» 

Ich war schockiert. Ich musste was dagegen tun, ich musste also auch eine Apparate-Sammlung anlegen, allerdings im Pfennigbeträge-Bereich und es musste sozusagen das Gegenteil von Hightech-Leica-Qualität sein.

Am nächsten Sonntag war ich auf einem Flohmarkt und entdeckte mein erstes Sammelobjekt. Ein kleiner Fotoapparat aus Kunststoff, sehr klein, aber dafür mit 12 Motiven aus Paris, wenn man durchs Okular schaute. Der Auslöseknopf transportierte die Bilder: Eíffelturm, Arc de Triomphe, Louvre ... . Das war es! Der Verkäufer wollte 50 Pfennig und ich erstand mein erstes Sammelobjekt!

Und es ging weiter. Es gab neue Funktionen, andere Größen, verschiedene Materialien und mal eine akribische Wiederholung einer bekannten Kamera, oder eben nur ein platte rechteckige Form mit einem silbernen, runden Knauf vorne drauf. Kameraattrappen erzeugen geht schnell. Wasserspritzer, Gürtelschnallen, Radios, Spardosen, Feuerzeuge, Bleistiftanspitzer, Weihnachtskugeln und Schnapsbehälter. Aus Blech, Keramik, Glas, Holz, Pappe, Gummi und Schokolade. Es gibt sie in allen Formaten von der Kleinbildkamera bis zur Fachkamera, als Sofortbild- und Laufbodenmodelle, als Box und Pocket, als Spiegelreflex und Sucherkamera oder als zweiäugige Kamera. Das größte Sammelobjekt ist ca. 40 x 60 Zentimeter groß (ein Kuschelkissen) und das kleinste wenige Millimeter (Puppenstubenaccessoire). Sie sind profi-matt-schwarz, einfarbig, coloriert oder poppig-bunt. Im Erscheinungsbild imitieren die Objekte Fotoapparate, ihre Funktion entlehnen sie den unterschiedlichsten Alltagsgegenständen. Die Apparate besitzen viel Überraschendes und Spielerisches.

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Kunstobjekt von Michael Kampert (Köln), transparentes Klebeband, 15 x 11 cm, 2010
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Deko für den Weihnachtsbaum, Glas, 8 x 8 cm, ca. 2020

Meine Vorgabe, nicht mehr als eine Mark pro Objekt, musste ich bald über Bord werfen. Jetzt wurde es antik, historisch und interessant. Ich reiste nach Paris, dort gab es um Pfingsten herum in einem Vorort eine Fotoflohmarkt, morgens im Dunkeln suchten die Ersten mit der Taschenlampe nach ihren Trouvaillen. Ich kam etwas später und kaufte in meinem Segment «Fake-Kamera» (so hieß das damals noch), alte und ungewöhnliche Sachen.

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Radiergummi-Halter, Kunststoff, 4 x 2,5 cm, Japan, ca. 1970, erworben bei einer Internetauktion in Großbritannien
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Räuchermännchen, Holz, 11 cm, ca. 1950
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Puppenstuben-Zubehör, Kunststoff, 1,5 x 1,2 cm, ca. 1980

«Ein schräges Bild der Fotografie»

Die Sammlung wuchs, es wurden Vitrinen angeschafft, ich traf den einen oder anderen Sammler, der auch diese «Fake»-Affinität hatte und man tauschte. Ich suchte nach einem Namen für die Sammlung. In Anlehnung an den Begriff Camera Obscura (lat.: dunkler Raum) trägt meine Zusammenstellung nun den Titel Camera Obliqua (lat.: schräg, schief).

Seit mehr als tausend Jahren wird die Camera Obscura zur Sonnenbeobachtung, als Zeichenhilfe und seit fast zweihundert Jahren zum Fotografieren benutzt. In ihrer einfachsten Gestalt ein dunkler Raum mit kleiner Lichtöffnung und Aufnahmefläche, ist die Camera Obscura die Urform aller Fotoapparate.

Während die Camera Obscura das Bild der Wirklichkeit verzerrt, liefert die Camera Obliqua ein verzerrtes, schräges Bild der Fotografie. Das Täuschende und Überraschende der Fotografie findet sich auch in den inzwischen ca. 1000 Fake-Kameras.

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Wasserspritzer, Kunststoff, je 8 x 6 cm, vermutl. DDR, ca. 1950 

«Woher kommt diese ungeheure Vielfalt der Fake-Kameras?»

Woher kommt diese ungeheure Vielfalt der Fake-Kameras? Denn es gibt wenige Objekte, die so viele direkte und karikierende Nachahmungen erfahren haben wie der Fotoapparat. Vielleicht liegt es daran, dass der Fotoapparat von Anfang an als etwas Gefährliches empfunden wurde. Jeder kennt die Begriffe «Schnappschuss» oder «photo-shooting». Das heißt, Fotografie scheint ein von jedermann benutztes Medium zu sein, über das wir allerdings die Kontrolle verloren haben. Sei es, weil die Technik schwer verständlich ist. Sei es, weil die Fixierung des Augenblicks im Foto immer wieder beunruhigt. Eine mögliche Form, sich gegen diese Verunsicherung zu wehren, ist der Witz. So erschienen schon kurz nach Erfindung der Fotografie Karikaturen, die den Fotografen und die Fotografierten lächerlich machten – eine Art, diesem unglaublichen Vorgang des Fotografierens die Bedrohlichkeit zu nehmen. Und bis heute ist ein immer wiederkehrendes Bild der fotografierende Affe, wobei nicht immer klar ist, ob die einfache Bedienung visualisiert werden soll oder die lächerliche Figur des Fotografen, der alles nachmacht.

Die Kameras der Sammlung Camera Obliqua sind täuschend und imitierend, auf Vergleich und Verwechslung angelegt, so wie die Realitätswahrnehmung in der Fotografie.

Ach so, eine Sammlung «echter» Fotoapparate lehne ich bis heute ab. 

Wolfgang Vollmer
Wolfgang Vollmer ist ein deutscher Fotograf, Künstler, Sammler, Kurator und Dozent für Fotografie. Das Studium der Freien Kunst/Künstlerische Fotografie begann ab 1976 bei Prof. Arno Jansen an der FH Köln. Es folgte Kommunikationsdesign an der Bergischen Universität Wuppertal. Seine fotografischen Arbeiten untersuchen die Bedingungen der Fotografie: u. a. in der Inszenierung historischer Szenen und Fiktionen; Arbeiten zur Stadtlandschaft, Stadtarchitektur. Sie befinden sich u. a. im Museum Ludwig Köln, im Folkwang Museum Essen, in der Sammlung Camera Austria Graz und im Kölnischen Stadtmuseum. Die Leidenschaft des Sammelns packte ihn im Studium und lässt ihn bis heute nicht los. Wolfgang Vollmer lebt seit 1977 in Köln.

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