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Kolumne

Café Herbst
oder die Reise zum Amazonas

aufgezeichnet von
Edgar Herbst

Dies ist die Geschichte des Zuckerbäckersohns Edgar Herbst, der zum visuellen Aufzeichner avanciert. Er notiert seine Wahrnehmungen des Aufwachsens in der Harzer Natur in der späten Nachkriegszeit und irrt auf unbestimmten Pfaden der Provinzen bis in die Metropolen Frankfurt - Hamburg - Berlin. Anerkennung suchend und Aufmerksamkeit erweckend, mit zerfleddertem Smoking und brandlöchrigem Seidenschal, selten ohne Hut, schenkt er sein Auge der gesellschaftlichen Dekadenz, übermütig in der Darstellung seines Gegenüber und seiner selbst. Aus diesem geistigen und materiellen Archiv soll - schonungslos und gleichsam von Selbstironie gezeichnet - ein Buchwerk panoptischer Fülle entstehen. 

Text und Fotos — Edgar Herbst – 15.06.2022

Teil 7: Gedankenfieber / Innenansichten

Über Stock und Stein und Pole
Verwirrung innerst tief im Geist
So der Teufel ihn noch hole
ist doch schon er ihm verschweißt

Was nur, treibt das zarte Wesen
Einst entsprungen aus dem Harz
Wollt’ an stachlig’ Grenz’ genesen
Götter deuten tiefes Schwarz

Feuer, Lust, Begierde inne
Auf der Wahrheit Spuren Suche
Landend in der Weltenrinne
Abgeschworen jedem Fluche

Der Reisende, er suchte Liebe
In heller Kronenleuchter Schein
Verdrängend jene Peitschenhiebe
Die schon früh ihn machten klein

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Auf Fest und Feiern wollt’ er tanzen
Mit der Kamera im Sack
Blitze stachen wie die Lanzen
Herrschaften in Rock und Frack

Erfüllt vom Elixier der Droge
Rast er über das Parkett
Ungeachtet jeder Woge
In der Huren Himmelbett

Angetrieben von dem Abbild
Seiner Selbst und vielen Andern
War die Kamera sein Schild
Komplizin, Freundin gar beim Wandern

Sehen sei das Maß der Dinge
Unscharf ist ihm angenehm
Gleich die Schärfe mit ihm ringe
Gnadenlos ist die Bohème

Nun stapeln sich in Mengenlage
irr’ empfunden Übersicht
Gesell’ und Kaiser mancher Tage
Haben doch noch kaum Gewicht

Schlösser, Burgen und Paläste
Katakomben und Spelunken
Ja! Das waren die Geäste
Herberg’ eigen, freudetrunken

Die Frage nach dem Ich, die quälet
Angst und Zweifel angefüllt
Des Raumes Reise schwer verfehlet
Utopien eingehüllt

Vater, Mutter, fern wie Sterne
Zwar entstanden aus dem Saft
Traurig, einsam, allzu gerne
Kinder hat er nicht geschafft

Geliebte tauchten auf und gingen
Zart liebkost im Mondesschein
Doch es fehlte an den Ringen
Die bedeuteten das „Ein“ 

Weibes Munde ein Geheimnis
Einzudringen reicht nicht aus
Tief zu fühlen sei kein Wagnis
In diesem wundersamen Haus

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Krieg tobt im Inneren der Seele
Friedensfahne auf „Gut Glück“
Furcht und Hoffnung gar nicht fehle
Heilungspfad nur Stück für Stück

Körper, Schmerzen auszuhalten
Nerven, die sind ausrangiert
Schreie, Seufzer zu verwalten
Patient sein, völlig ungeniert

Empfindlichkeit als solche über,
Reize, ja, die reizen ihn
Sinne werden manchmal trüber
Gedankenfieber wird zum Spleen

Wirken in manch Varianten
Das Wort der Arbeit ist ihm fremd
Passioniert dem Zugewandten
So Pekunia nährt das Hemd

Der Kunst als dieser ist er nah
So sich das Wesen offenbare
Zeigt was in der Nacht geschah
Das Werk ins Herz sticht, nicht als Ware

Frankfurt, Hamburg, dann Berlin
Triptychon der Metropolen
Zur blutend’ Hauptstadt zog es ihn
Hat dieses auch die Seel’ befohlen

Geburt und Tod als Meilensteine
Uhr die tickt und Zeit verrennt
Träume inhaliert als seine
Schwebend, fliegend bis zum End’

Manche Schandtat zu bereuen
Dem einstig’ Trommler gar nicht fern
Demutshaltung nicht zu scheuen
Vergebungsvoll, auch sich im Kern

Nun hat er ein besonder’s Ziele
Zu schaffen Etwas, was dann gilt
Einblick schenken in das Spiele
Gewagt, geliebt aus Herbstherz schwillt

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Edgar Herbst
1961 nach wilder bis halsbrecherischer Slalomfahrt im Mutterleib, hochsommerliche Ankunft in der blass colorierten schwarz-weiss Kulisse des Kurortes Bad Lauterberg. Frühkindlicher Taumel durch den idylisch anmutenden Kosmos der Grossfamilie, Zuckerbäckerei, Pferdeherden, Wasser- und Schneeathleten, inmitten des Harzgebirges untermalt von Hexentanz und Geistersynphonien. Irritiert, sprachlos ob der Selbstsprengung der Familie. Erste Selbstwahrnehmung lebendigen Seins auf dem Internat Schloss Varenholz unter Gleichgesinnten in der Knospenzeit des jungen irr Wandelnden. Metropolenberührung in Frankfurt am Main, Erforschung der Großstadt mit hungrigen Augen im zwielichtigen Areal. Entdeckung der Liebe zur photographischen Aufzeichnung. Hingabevolles Wirken in der medialen Magazinwelt «Orangepress», brodelndes Labor, psychedelische Wirkstoffe und Feuerwasser fördern die Sehformel in rauschhaften Prozessen. Hamburg - Festung der bedruckten Blätter; zum Exzess beauftragt und diesen verinnerlicht. Monitäre Unüberschaubarkeiten, Flucht zum ich - Berlin! Insozialer Absturz - Clochard de luxe - Schmerz, Rausch, Schöpfen in Erschöpfung; gefühlt Ober- und Unterkante Universum, Abstinenz- statt Absinth - Belebung des Innen und Außen - im Beiboot des Dampfers die unvermeidliche Selbstironie Lebens und Sterbens. Waghalsiger Plan der Liebe einen Sockel zu kreieren - immer mit nervösem Charakter friedlicher Manie.
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ReVue ISSN2750–7238

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