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Kolumne

Café Herbst
oder die Reise zum Amazonas

aufgezeichnet von
Edgar Herbst

Dies ist die Geschichte des Zuckerbäckersohns Edgar Herbst, der zum visuellen Aufzeichner avanciert. Er notiert seine Wahrnehmungen des Aufwachsens in der Harzer Natur in der späten Nachkriegszeit und irrt auf unbestimmten Pfaden der Provinzen bis in die Metropolen Frankfurt - Hamburg - Berlin. Anerkennung suchend und Aufmerksamkeit erweckend, mit zerfleddertem Smoking und brandlöchrigem Seidenschal, selten ohne Hut, schenkt er sein Auge der gesellschaftlichen Dekadenz, übermütig in der Darstellung seines Gegenüber und seiner selbst. Aus diesem geistigen und materiellen Archiv soll - schonungslos und gleichsam von Selbstironie gezeichnet - ein Buchwerk panoptischer Fülle entstehen. 

Text und Fotos — Edgar Herbst – 15.07.2022

Teil 8: Etikett und Etikette

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Weiß auf Schwarz formieren sich Buchstaben in Souvenir und verheißen dem Betrachter ein visuelles Wirken in der Gesellschaft, der Nacht und der Kunst. Die Karte als eigensinniges Etikett, in der Anmutung eines Grabsteines der Romantik.

Lebendigst wandelnder Geselle, mit dem Kamerawerkzeug in der alten Kamelledertasche, selbsternannter Meister des Diletanttismus in Perfektion diffuser Lichtverhältnisse.

Etikette wahrender Spieler, der Theatralik einer ostentiösen Gesellschaft sich verschenkend gegen Gebühr, flockig hineinschneiend, um sich dem eigenen Tau zu ergeben.

Handgefertigter Lackschuh mit gequälter Sohle, rote Seidenschleife mit Froschmotiven, edlen Rotweines beflecktes weißes Hemd, Clownöl im Haar, Smoking mit Löchern, schwarze Existentialistenbrille; die Zeichen seiner Marke.

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Unesco Gala, Neuss 2000, Foto: Edgar Herbst

Zornesgeröteten Antlitzes bestellte der König den Narren an den Fuße seines Thrones. In erregter, brummiger Stimme sprach er:

«Hoffotograf solltest Du spielen, dem Hause zu Gute kommen, die erlesenen Gäste meines Hoffestes in schönem und besonderem Licht erscheinen lassen», und nach einem tiefem, schwerem Atemzug fuhr er fort: «Töricht und irr war Dein Benehmen, Entsetzen lösten Deine Bilder aus, die Gesellschaft fühlt sich demaskiert und fratzenhaft dargestellt…»

Bevor der König in seiner Echauffierung fortfahren konnte, sprang der Narr von seinem Platz in der Tiefe, mit einem breitem Grinsen, auf die von Goldperlen gesäumte Schulter des Königs. Dabei zupfte und streichelte er das herrschaftliche Ohr, damit es seine Worte in Weichheit empfange.

«Mein König, ich war so vernarrt, so sehr verliebt in das Spektaktel Deiner feinen Gesellschaft; meine Irritationen und Provokationen waren ein Experiment, ein Versuch, die Masken zu durchdringen, den Schein aufzuheben, um die Seelen leuchten zu lassen, echte Gefühle wie Freude und Melancholie zu entdecken, der wahren Liebe nahe zu kommen».

Verwirrt, doch friedlich, gar milde gestimmt, orderte der König zwei Kelche edlen Weines, reichte eins dem Narren, um die Gefässe klingen zu lassen. «Auf die Liebe», feuerte der König aus seinem Munde.

 

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Der Narr, Frankfurt 1996, Foto: Johannes Hofmann

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Tel. 0162/3322047 oder
herbst@dejavu-gesellschaft.org
 

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ReVue ISSN2750–7238

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