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Kolumne

Café Herbst
oder die Reise zum Amazonas

aufgezeichnet von
Edgar Herbst

Dies ist die Geschichte des Zuckerbäckersohns Edgar Herbst, der zum visuellen Aufzeichner avanciert. Er notiert seine Wahrnehmungen des Aufwachsens in der Harzer Natur in der späten Nachkriegszeit und irrt auf unbestimmten Pfaden der Provinzen bis in die Metropolen Frankfurt - Hamburg - Berlin. Anerkennung suchend und Aufmerksamkeit erweckend, mit zerfleddertem Smoking und brandlöchrigem Seidenschal, selten ohne Hut, schenkt er sein Auge der gesellschaftlichen Dekadenz, übermütig in der Darstellung seines Gegenüber und seiner selbst. Aus diesem geistigen und materiellen Archiv soll - schonungslos und gleichsam von Selbstironie gezeichnet - ein Buchwerk panoptischer Fülle entstehen. 

Text — Edgar Herbst – 11.02.2022

Fotos — Archiv und Edgar Herbst

Teil 5: Berlin - Fruchtbarer Sumpf

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Berlin Schöneberg, 6.Etage Bülowstrasse 94, Wolkentanz 2022

2022

Die in sanftem Donnern tönende U2 schneidet die Zeit in Scheiben und gleitet taktvoll zwischen den überirdischen U-Bahnhöfen Bülowstraße und Nollendorfplatz. So ist der Blick in die Tiefe von meinem neuen Domizil: fortwährende Bewegung des Schienenapparates. So ist der Blick in die Höhe: Wolkenzauber in entzückend bis dramatischen Variationen.

Der bordeauxrote Samtvorhang dämpft die unbarmherzige Wintersonne vor der Lichtüberflutung meines Raumschiffes. Im Foyer des Seniorenhauses Bülowstraße 94 verheißt ein angeschlagener Zeitungsartikel der TAZ Gefahr: «Unruhiges Wohnen im Alter … wehren sich Bewohner gegen Eindringlinge und Prostitution».

Zum Monatsende klingelt Frau K. an meiner Tür und bittet aufrechter Haltung um einige Taler – der Hunger nagt.

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Ausblick Frankfurter Tor 6, Berlin Friedrichshain, Zuckerbäckerbauten 2001

2001

Dem architektonisch funktional-verführerisch anmutenden Zuckerbäckerbau am Frankfurter Tor 6 begegnet der Illusionär mit schwerer Bewaffnung von spirituellen Räucherwaren. Doch alle hexerischen Kräfte versagen – den ausdauernden und tief in der Platte eingenisteten Dämonen sowie dem Karma schmerzhaften Regimes ist mit solch humanen Streicheleinheiten nicht beizukommen.

Ein strategisches Missverständnis. Panik, Angst und Atemnot. Flucht! Flucht aus der DDR 2001.

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Selbstportrait, Weserstrasse 153 Berlin Neukölln 2010

2010

«Neukölln Studios Berlin». In der Imagination ein in Höhe, Tiefe, Fläche unendlicher Raum – In Realität 28 Quadratmeter Partykeller im 2. Stock der Weserstrasse 163. 

Die langjährigen Bewohner des Erdgeschoss haben einen großen Zettel an die Fensterscheiben angebracht: «BITTE NICHT HINEINSCHAUEN». Das Studio ein Begegnungtempel inspirierter, rauschhafter Couleur – Tanz, Musik, Exzess, Kreation – fehlerhafter Farbfilm in Überlänge scheinbarer Sorglosigkeit.

Die Nachbarin lag eineinhalb Jahre tot in ihrer Wohnung. «Lower East Side» ist weit weg.

 

2014

Der als Laubbeauftragter und Hauswächter Fungierende widmet sich leidenschaftlich forschend den Gullys auf dem ehemaligem Schulhof des «College Voltaire» in Berlin Waidmannslust. Entdeckend, findend, wieder in Erscheinung bringend, vom Straßenschlund verschlungene, vom Modder der Gezeiten ummantelte Utensilien einstiger französischer Schülerschaft.

An der Eingangspforte des Schulgebäudes, in der Rue Racine 7, wird in den großen Lettern der Besatzungsmacht der Philosoph Voltaire zitiert:

«Liebe die Wahrheit – Verzeihe dem Irrtum».

Ein verlorener, verlassener Ort – belebt von Freudigen des stationären Experiments. Die Klassenzimmer verwandelt in Luststuben aus Freiheit und Kunst.

Die Formel und Schrift gewohnte Tafel zeigt intime, obszöne Notizen der Wandelnden. Ungehorsam steht auf dem Stundenplan der Ausschweifungen von Tag und Nacht, begleitet in der Dunkelheit vom blitzenden Kreisen der Fledermäuse.

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Das College Voltaire in der Rue Racine 7, Berlin Waidmannslust 2014

Edgar Herbst
1961 nach wilder bis halsbrecherischer Slalomfahrt im Mutterleib, hochsommerliche Ankunft in der blass colorierten schwarz-weiss Kulisse des Kurortes Bad Lauterberg. Frühkindlicher Taumel durch den idylisch anmutenden Kosmos der Grossfamilie, Zuckerbäckerei, Pferdeherden, Wasser- und Schneeathleten, inmitten des Harzgebirges untermalt von Hexentanz und Geistersynphonien. Irritiert, sprachlos ob der Selbstsprengung der Familie. Erste Selbstwahrnehmung lebendigen Seins auf dem Internat Schloss Varenholz unter Gleichgesinnten in der Knospenzeit des jungen irr Wandelnden. Metropolenberührung in Frankfurt am Main, Erforschung der Großstadt mit hungrigen Augen im zwielichtigen Areal. Entdeckung der Liebe zur photographischen Aufzeichnung. Hingabevolles Wirken in der medialen Magazinwelt «Orangepress», brodelndes Labor, psychedelische Wirkstoffe und Feuerwasser fördern die Sehformel in rauschhaften Prozessen. Hamburg - Festung der bedruckten Blätter; zum Exzess beauftragt und diesen verinnerlicht. Monitäre Unüberschaubarkeiten, Flucht zum ich - Berlin! Insozialer Absturz - Clochard de luxe - Schmerz, Rausch, Schöpfen in Erschöpfung; gefühlt Ober- und Unterkante Universum, Abstinenz- statt Absinth - Belebung des Innen und Außen - im Beiboot des Dampfers die unvermeidliche Selbstironie Lebens und Sterbens. Waghalsiger Plan der Liebe einen Sockel zu kreieren - immer mit nervösem Charakter friedlicher Manie.
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Edgar Herbst, Bülowstrasse 94
6.Etage/Wohnung 97
10783 Berlin Schöneberg 

Tel. 0162/3322047 oder
herbst@dejavu-gesellschaft.org
 

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