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Kolumne

Café Herbst
oder die Reise zum Amazonas

aufgezeichnet von
Edgar Herbst

Dies ist die Geschichte des Zuckerbäckersohns Edgar Herbst, der zum visuellen Aufzeichner avanciert. Er notiert seine Wahrnehmungen des Aufwachsens in der Harzer Natur in der späten Nachkriegszeit und irrt auf unbestimmten Pfaden der Provinzen bis in die Metropolen Frankfurt - Hamburg - Berlin. Anerkennung suchend und Aufmerksamkeit erweckend, mit zerfleddertem Smoking und brandlöchrigem Seidenschal, selten ohne Hut, schenkt er sein Auge der gesellschaftlichen Dekadenz, übermütig in der Darstellung seines Gegenüber und seiner selbst. Aus diesem geistigen und materiellen Archiv soll - schonungslos und gleichsam von Selbstironie gezeichnet - ein Buchwerk panoptischer Fülle entstehen. 

Text und Fotos — Edgar Herbst – 18.09.2022

Teil 9: Unterm Papst

Im Juni 1996 führte mich meine Reise in die ostwestfälische Provinz Paderborn, wo ich mich dem Geschehen um den hochheiligen Besuch von Papst Johannes Paul II. zu widmen gedachte. Deutlicher formuliert:  Der Gedanke, mich als irdisches Wesen dem scheinbar Außerirdischen in meinem Wirken unmittelbar zu nähern.
 
Schweratmiges Raunen, spannungsgeladenes Seufzen, fröhlichfromme Erleichterung einer Zehntausendschaft von Brüdern und Schwestern, die als Zaungäste das Flughafenareal belagerten, als der Flieger der Alitalia  in den tiefhängenden Wolken im Himmel über dem Airport Paderborn-Lippstadt erschien, der Landebahn des Erzbistums entgegenschwebte, bevor der Pilot eine butterweiche, hauchzarte Landung vollbrachte. 

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Rednerpodium am Flughafen Paderborn-Lippstadt vor der Landung des Heiligen Vaters am 21.Juni 1996, Foto: Edgar Herbst

Zusammengefercht auf einem tribünenähnlichen Podest, befand ich mich inmitten Hunderter Lichbilder aus aller Welt. Heißhungrige Linsen fieberten dem Moment entgegen, wo sich die Pforte des Fliegers öffnete, aus dem der angereiste Pontifex die Stiege hinabschreiten würde, um dann den asphaltigen Grund der Landebahn mit seinen Lippen zu berühren, zu liebkosen. 
 
Ein von heller Erregung gespeistes Dauerfeuer der Kameras um mich herum entbrannte in experimentell anmutenden Rythmen und Klang, nahe der Manier von Maschinengewehren, die langen Teleobjektive fokussiert auf das heilige Objekt der Begierde.
 
In Schwermut meiner – ob der vielen Meter –  Distanz zum Papst versunken, vernahm ich plötzlich ein enthusiastisches Jauchzen der Freude der gewaltigen Zahl an Gläubigen, in deren Richtung der heilige Vater nun steuerte, ungeachtet des protokollarischen Pfades roter Auslegware, penibelst vom für die Sicherheit zuständigen bischöflichen Generalvikariat in Kooperation mit dem Bundeskriminalamt abgesteckt.    
           
Intuitiv geleitet, vielleicht von höheren Mächten, griff ich zu meiner Nikon FM 2, ließ das Bajonett des Fischaugenobjektives einrasten, der Bildzähler stand auf 26, so dass ich noch zehn «Schüsse» frei hatte.

Ich verließ den sogenannten Fotorafenpool, sprang über Sicherheitszäune und befand mich bald am Ende einer dichtgedrängten, tiefgläubigen Menschenmenge. Von dort galt es nun eine Luftlinie von ungefähr siebzig Metern zu überwinden, um an jene vordere Linie zu gelangen, an der der heilige Vater flanierte, um den Menschen seine geweihte Hand zu reichen.

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Links: Kirchenvertreter beim Gottesdienst am zweiten Tag des Besuchs im Erzbistum auf dem Militärflugplatz Senne bei Lippspringe unter 80.000 Gläubigen, Rechts: Papst Johannes Paul II. begrüsst händeschüttelnd Zaungäste am Flughafen Paderborn-Lippstadt in Entourage mit dem damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog und NRW Ministerpräsident Johannes Rau, Fotos: Edgar Herbst

Nun bedurfte es eines wahrhaftigen «zu-Kreuze-Kriechens», über morastigen Boden durch einen widerborstigen Wald von Beinen und Füßen, fast militärisch bis an die Front des Geschehens zu robben, nicht ohne Behinderungen, Tritte und Beschimpfungen ausgesetzt zu sein, aber auch einem ermutigenden Staunen über den froschartigen Passagier in der Tiefe.                    
 
Unbeugsam in meiner Vision an jener Linie angekommen, leuchtete Karol Wojtyła über mir auf. Ihm nun erschöpft zu Füßen liegend, streckte ich meine Kamera in die Höhe und drückte so andachtsvoll wie möglich den Auslöser, während Karol Wojitila wie ein geistlicher Geist über mir vorüberschwebte, mit seiner linken Hand meine Linse touchierte, worauf ich als Ungläubiger eine friedliche «Erlösung» fühlte und erfüllt im lädierten Sommergras Paderborner Erde versank.

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Karol Wojitila touchiert mit seiner linken geweihten Hand die Fischaugenlinse meiner Kamera, 21.Juni 1996, Foto: Edgar Herbst

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Tel. 0162/3322047 oder
herbst@dejavu-gesellschaft.org
 

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ReVue ISSN2750–7238

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